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Schwule in der Schweiz und ihre Geschichte – Überblick

 

1943–1967 «DER KREIS», sein Umfeld und die Repression der 60er Jahre

Ab 1943 nannte Rolf (Karl Meier) die zweisprachige Zeitschrift DER KREIS – LE CERCLE. Redaktor des französischen Teils war Charles Welti (Pseudonym des Bankfachmanns Eugen Laubacher). Die bisherige Abonnenten-Vereinigung wurde zum Lesezirkel DER KREIS. Rasch entwickelte sich daraus eine Organisation mit regelmässigen Anlässen in eigenen Klubräumen, fachkundiger Betreuung sowohl psychologisch-seelsorgerlich wie auch durch Ärzte und Rechtsanwälte, mit Leihbibliothek und Verkauf von Büchern, Kunstblättern, Fotos, mit vielfältigen Kontaktmöglichkeiten und -anzeigen im Beiblatt der Zeitschrift. International wurde der KREIS ab 1952 mit einem bald regelmässig erscheinenden Teil in englischer Sprache und dem (1954) dafür zuständigen Redaktor Rudolf Burkhardt (eines der Pseudonyme von Rudolf Jung). Ab Heft 8/1954 (August) hiess die Zeitschrift DER KREIS – LE CERCLE – THE CIRCLE.

Nach dem Krieg entstanden unter Mithilfe und nach dem Vorbild des KREIS neue Organisationen und Zeitschriften:

Ende der 50er Jahre erreichte die Zeitschrift DER KREIS ihren Höhepunkt mit gegen 2000 Abonnenten, davon 1/3 hauptsächlich im europäischen und nordamerikanischen Ausland. Gemäss Umfragen lasen 4 bis 6 Personen jede an einen Abonnenten gehende Nummer, sodass mit 10'000 Lesern gerechnet wurde.

Die grossen Bälle des KREIS im Frühjahr (Maskenball), sowie im Sommer und/oder Herbst galten weltweit als bedeutendste und originellste Szene-Events jener Zeit. Es kamen bis zu 800 Abonnenten mit ihren Gästen. Dabei gab es tänzerische und kabarettistische Einlagen aller Art und (Herbstfest, Weihnachtsfeier) je ein gewichtigeres Theaterstück mit homoerotischer Thematik, aufgeführt von der internen Laienspielgruppe unter Rolfs Regie. Die Weihnachtsfeier war besonders den einsamen Kameraden gewidmet und fand ohne Gäste statt. Über Neujahr hingegen gehörte ein Silvesterball (mit Gästen) zur Tradition. Alle diese Anlässe wurden im heutigen Neumarkt-Theater, Zürich, durchgeführt.

Von 1934-1951 existierte das Schweizer Cabaret Cornichon mit seinen Dialekt-Programmen, gespielt in Zürich und auf Tournee. Inspiriert war es von der 1933 nach Zürich exilierten Pfeffermühle des Lesbenpaares Erika Mann und Therese Giehse. Bis 1937 wirkten beide Cabarets abwechselnd am selben Ort oder auf Tournee mit ihren je eigenen Liedern und Texten. Nebst pfiffiger Unterhaltung gab es in jedem Programm «literarische Nummern» mit verdeckt politisch-sarkastischem Inhalt, wobei Nazis bzw. Faschisten (auch solche im eigenen Land) gnadenlos blossgestellt wurden. Das stand ganz im Dienst des offiziell geförderten nationalen Widerstandes, genannt «Geistige Landesverteidigung». Karl Meier war in allen über 5000 Vorstellungen des Cornichon mit dabei. Andere Lesben und Schwule (meist emigrierte Ausländer und Schweizer) traten zuvorderst an dieser geistigen Front auf. Dies vor allem auch im Zürcher Schauspielhaus, welches ab 1938 als einzige unzensurierte Bühne im deutschen Sprachraum unter der künstlerischen Leitung des KREIS-Abonnenten Oskar Wälterlin stand. Das war damals weit über Zürich hinaus bekannt und der KREIS als Organisation profitierte davon.

Doch das Gedächtnis der «schweigenden Mehrheit» ist kurz und das traditionelle Stillhalten im Ghetto KREIS half dem Vergessen.

1957 wurden knapp hintereinander zwei Homosexuelle durch minderjährige Stricher ermordet. Daraus und aus einem dritten ähnlichen Mordfall entstand eine gewaltige Medienkampagne mit entsprechenden Umkehr-Urteilen in den nachfolgenden Prozessen: Die Opfer wurden zu Tätern gestempelt und die Mörder mit kleinstmöglichen Strafen bedacht. Zugleich begann eine homophobe Hexenjagd, welche eine jedes Recht missachtende mehrjährige Welle von polizeilichen Razzien an allen bekannten Treffpunkten, in Restaurants und Bars, öffentlichen Anlagen und sogar stadtnahen Wäldern auslöste, nicht nur in Zürich, auch in Basel, Bern und an andern Orten. Zu Hunderten wurden Menschen zusammengetrieben, auf Posten gebracht und dort mit allen Personalien und Fingerabdrücken registriert: die berüchtigten Homo-Register füllten sich. Zwangsweise wurden zudem vor allem in Zürich Bluttests durchgeführt – wegen grassierender Syphilis unter Schwulen.

1960 erhielt der KREIS ein städtisches Tanzverbot, was zur Aufgabe seines Lokals, der «Eintracht» im Theater am Neumarkt, führte, wo er seit 1948 Gastrecht hatte. Die Grossanlässe fielen aus. Einnahmen und Abonnentenzahlen gingen zurück. In Dänemark und den Niederlanden waren flexiblere Pressegesetze geschaffen worden. Es entstand eine scharfe Konkurrenz, die unzensuriert mit Vollaktbildern und entsprechenden Texten den Markt eroberte. Die (zu) brave, seriöse Zeitschrift DER KREIS verlor an Boden. Ein neues Lokal, der Conti-Club, öffnete 1966, konnte aber das Ende nicht mehr aufhalten. Die Dezembernummer 1967 war die letzte; der legendäre KREIS war gestorben. Rolf sah sein Lebenswerk zerstört und erlitt 1970 einen Schlaganfall von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb 1974.

Hinweis: Ist die Zeitschrift DER KREIS gemeint, ist der Name kursiv gesetzt; DER KREIS bezeichnet den Verein.

 


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Schwulengeschichte

Überblick zur Schwulen­geschichte in der Schweiz, recherchiert und zusam­men­gefasst von Ernst Ostertag

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