NETWORK Symposium

- Symposium-Eröffnungsrede des NETWORK-Präsidenten Thomas Peter in der Aula der ETH Zürich
NETWORK veranstaltete am 8. September 2007 ein öffentliches Symposium in Zürich zum Thema
Immigrantenkultur versus Menschenrechte –
Homosexuelle im Kulturkampf?
mit prominenten Referenten (Hauptreferent: Prof. Bassam Tibi, Göttingen/Cornell, weitere Referenten aus dem In- und Ausland), Workshops und einer Podiumsdiskussion.
Teilnehmer waren am Thema Interessierte, besonders aber Entscheidungsträger in Schule, Politik und Wirtschaft und beruflich mit «Diversity Management» Befasste.
Ziele und Themen des Symposiums
Die Emanzipation der Homosexuellen in der Schweiz zwischen Erfolgen und Gefährdungen
Die Einführung des Partnerschaftsgesetzes zu Beginn des Jahres 2007 war ein Meilenstein in der fortschreitenden Integration der Homosexuellen in die schweizerische Gesellschaft. Dieser Prozess ist aber bei weitem nicht abgeschlossen, weder im Alltag der Homosexuellen noch im politischen Bereich. Dieser Prozess ist zudem nicht zwingend eine Einbahnstrasse zum Ziel, sondern er ist auch Gefährdungen ausgesetzt.
Die religiösen, gesellschaftlichen und moralischen Auffassungen von Einwanderern aus anderen Kulturkreisen und ihr Verhältnis zu den Grundwerten unserer Gesellschaft ziehen zunehmend die Aufmerksamkeit auf sich. Bürger mit anderem kulturellen Hintergrund nehmen zahlenmässig zu. Die gut ausgebildeten nachwachsenden Generationen nehmen zunehmend wichtigere Positionen in der Gesellschaft ein. Globale Konflikte mit einer starken kulturellen Komponente erhöhen die Aufmerksamkeit. In diesen drängen extremistische Positionen vor, die die kulturellen Gegensätze unüberbrückbar erscheinen lassen.
Eine wichtige Komponente in vielen Immigrantenkulturen ist die patriarchalische Auffassung der Geschlechterrollen, deren feste Bestandteile die untergeordnete Stellung der Frau und die völlige Ablehnung von Homosexualität sind. Die Homosexualität ist damit mit im Brennpunkt der kulturellen Auseinandersetzung.
In den fundamentalistischen, islamischen Ländern werden die Schwulen im Namen der Scharia ausgepeitscht, aufgehängt, eingemauert oder gesteinigt. Selbst schon Coiffeure, die ihren Kunden einen unkonventionellen Haarschnitt verpassen, werden verfolgt. Es stellt sich die Frage, wie weit Immigranten mit muslimischem Glauben – diese mittelalterlichen Ansichten teilen – und am liebsten auch bei uns verwirklicht sehen?
Könnten die in Jahrzehnten mühsam erkämpften Errungenschaften im Bereich der Nicht-Diskriminierung von Homosexuellen durch den zunehmenden kulturellen und politischen Einfluss von Immigranten aus Kulturen mit patriarchalischem Gesellschaftsverständnis gefährdet sein? Sind diese Errungenschaften bereits gefährdet in jenen Schulen, in denen Kinder von Immigranten den Ton angeben? Welche Massnahmen sind geeignet, um die Verfassungsrechte und den politischen Willen der Mehrheit im Bereich der Emanzipation und Integration der Homosexuellen zu erreichen?
Diesen Fragen nachzugehen, war das Ziel des Symposiums. NETWORK wird die aufgeworfenen Fragen kontinuierlich weiter verfolgen, und so wertvolle Beiträge zum interkulturellen Diskurs erarbeiten.
Die Referentinnen und Referenten
Das Hauptreferat «Immigrantenkultur versus Menschenrechte» wurde von Prof. Bassam Tibi gehalten.
Bassam Tibi wurde 1944 in Damaskus geboren. Seit 1973 ist er Professor für Internationale Politik in Göttingen; seit 1988 darüber hinaus Research Associate in Harvard. Er ist Mitbegründer der arabischen Organisation für Menschenrechte. Seine regelmäßigen Fernsehbeiträge für das ZDF und seine Kommentare und Artikel in allen bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften, vor allem aber seine Bücher, haben ihn als Kenner des Islam bekannt gemacht. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter «Krise des modernen Islam», «Die fundamentalistische Herausforderung» und «Pulverfass Nahost». Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Wissenschaftliche und weitere Publikationen sowie CV s.
Zussammenfassung des Referats >>
In drei parallelen Workshops wurden Aspekte des Hauptthemas untersucht.
Workshop 1 versuchte Lehren zu ziehen aus den Erfahrungen in den Niederlanden. «Kulturkampf und Schwulenrecht – Erfahrungsbericht aus den Niederlanden»
Das Einleitungsreferat in Workshop I hielt Dr. David J. Bos
David J. Bos ist Hauptredaktor von Maandblad Geestelijke volksgezondheid (Monatschrift für geistige Volksgesundheit und Dozent für Soziologie an der International School for Humanities and Social Sciences der Universität Amsterdam. Autor von Michel Foucault in gesprek, over seks, macht en vriendschap (1985) und einer historisch-soziologische Untersuchung nach der Entwicklung des Pfarramts im 19. Jahrhundert (2000; eine englische Übersetzung erscheint in 2008 bei Brill, Leiden/Boston). Co-Autor einer von der niederländische Regierung beauftragte Untersuchung über die Akzeptanz von Homosexualität in den Niederlanden, Gewoon doen (etwa: «Sich normal verhalten»).
Zusammenfassung des Workshops >>
Workshop 2 untersuchte die Situation an den schweizerischen Schulen. «Erziehung zum Schwulenhass auf dem Schulhof – prägen homophobe Secondos die nächste Generation?»
Als Experten anwesend waren Christian Aeberli und Saïd Keller-Messahli.
Christian Aeberli ist seit 2006 Leiter der Abteilung «Volksschule» des Departements Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau und Mitglied der Geschäftsleitung des Departements. Der Erziehungswissenschaftler und Bildungsexperte war zuvor hauptsächlich als Projektleiter und Berater bei einer Vielzahl von Projekten im öffentlichen Schulwesen tätig. 2001–2005 war er Senior Researcher beim «Think Tank&» Avenir Suisse.
Saïd Keller-Messahli, lic. phil., ist Präsidentin des «Forums für einen fortschrittlichen Islam», das sie selbst 2004 gegründet hat. Das Forum will Muslimen eine Stimme geben, die sich für eine Trennung von Religion und Staat sowie für die Wahrung von Demokratie, universellen Menschenrechten und internationalem Recht einsetzen. Ihr Forum unterstützt Denker, die sich für eine Reform des Islams einsetzen. Sie ist Romanistin, in Tunesien geboren, dort und in der Schweiz aufgewachsen, und Mutter von zwei Söhnen. Sie ist auch Geschäftsführerin der «Stiftung für Palästina» und als Lehrperson tätig.
Zusammenfassung des Workshops >>
Während die Workshops 1 und 2 mehr analytisch ausgerichtet waren, war Workshop 3 mehr handlungsorientiert. «Was ist notwendig, um Verfassungskonformität und Einhaltung der Menschenrechte zu sichern?»
Als Experten standen Christof Meier und Dr. Marc Spescha zur Verfügung.
Christof Meier ist seit 2006 Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich. Er ist ausgebildeter Sekundarlehrer naturwissenschaftlicher Richtung, studierte Ethnologie und Politologie und ist seit vielen Jahren in leitender und koordinierenden Funktionen im Migrationsbereich tätig, unter anderem bei der Asyl-Organisation Zürich und bei der Eidgenössischen Ausländerkommission.
Marc Spescha, Rechtsanwalt, hat nach seinem Jurastudium in der Erwachsenenbildung für fremdsprachige Erwerbslose gearbeitet. Er ist Spezialist für Integrations- und Migrationsrecht und Koautor des massgeblichen Kommentars zum Ausländerrecht. Kürzlich erschien sein Buch «Migrationsabwehr im Fokus der Menschenrechte».
Zusammenfassung des Worksops >>
Den Abschluss des Symposium bildete eine Podiumsdiskussion, die zukunfts- und handlungsorientierte Schlussfolgerungen ziehen sollte. An ihr nahmen alle Referenten des Tages teil. Die Podiumsdiskussion wurde moderiert von Dr. Hans-Peter Fricker.
Hans-Peter Fricker war nach seinem philologischen Studium Dozent, danach Programmleiter von Schweizer Radio DRS 2 und Leiter der «Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft». Seit 2004 ist er CEO von WWF Schweiz. Hans-Peter Fricker ist ein Gründungsmitglied von NETWORK.
Zusammenfassung der Podiumsdissusion >>