Laudatio für Andreas Stadler
Von Toni J. Krein, Zürich, 28. Mai 2004
Lieber Andreas Stadler,
sehr verehrte Gäste, liebe Freunde
Es kam mir nicht sehr gelegen, als man mich bat, die Laudatio auf den Preisträger des ersten NETWORK-Kulturpreises zu halten. Ich fürchtete der Aufgabe nicht gerecht zu werden und fand es sollte jemand reden, der den Preisträger persönlich kennt. Nun, meine Bedenken wurden nicht erhört. So wollte ich ihn vorher wenigstens zum Gespräch treffen und mir ein Bild machen von Andreas Stadler. Ein Mittagessen wurde in der Folge verabredet. Wie ich ihn beim Betreten des Speisesaales sitzen sah, am weiss gedeckten Tisch im «Eden», durchfuhr es mich: Aber du kennst ihn ja! Doch woher? Dass auch er - viele Jahre jünger als ich - nicht wusste, wer ich bin, tröstete mich. Es bedurfte etlicher klärender Fragen, bis wir herausfanden - ich immerhin rascher als er, dass wir Ende der 80er Jahre beide am selben Theater engagiert waren. In Luzern, in der Zeit von Horst Statkus. Er als Schauspieler, blutjung und frisch von der Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und einem Jahr am Theater Basel, ich als Chefdramaturg des Dreispartenhauses, das damals noch Stadttheater war. Ziemlich unerklärlich die Gedächtnislücke. Insbesondere, weil ich ihn - nun da die Umstände geklärt waren - wieder deutlich vor mir sah als Cherub in Heinrich von Kleists «Käthchen von Heilbronn», als Sebastian in Shakespeares «Was ihr wollt», als Joachim den tollkühnen Lebensretter in «Glaube Liebe Hoffnung» von Ödon von Horvàt und besonders lebendig als Pascal, den hinreissenden, jungen Maler aus Heinrich Henkels Stück «Altrosa». In allen diesen Rollen fiel er auf durch seine unmittelbare, starke Präsenz, sowohl physisch als auch intellektuell. Stürmisch, hellwach und fordernd sprengte er Raum und Zeit und eilte bereits am Ende seiner ersten Spielzeit in Luzern weiter nach Konstanz und von da nach Berlin. Berlin, das war seine Stadt, ein Traum! Berlin, in der Zeit des gewaltigen Um- und Aufbruchs am Anfang der neunziger Jahre, wo die freie Theaterszene boomte und die Stadt Kreative anzog wie das Licht die Motten. Er spielte bei Stükke für die Grossstadt, im Walser Ensemble, im Berliner Männerensemble, aber auch im Theater am Halleschen Ufer genauso wie im Deutschen Theater und in Potsdam am Hans-Otto-Theater.
In diesen Jahren sah ihn die Schweiz wenig, erst 2001 kam er auf Visite ans Zürcher Neumarkt Theater. Ab 1999 begannen seine eigenen Stücke einen wichtigen Platz in seiner Arbeit einzunehmen: «TelemachTripTerror» - das er in einer Mundartfassung auch in der Schweiz zeigte, - «liebe mich», dann 2002 die Uraufführung von «Marlene» nach Erich Maria Remarque in der Regie von Lars Wernecke in Zürich und nun «Gilgamesch und Enkidu» seine erste Regiearbeit, für welche er heute den NETWORK-Kulturpreis erhält.
NETWORK ist eine Gemeinschaft von kultivierten, kulturinteressierten und kunstsinnigen Männern; dies drückt sich in der Vielzahl der von NETWORKern initiierten Projekte und Veranstaltungen aus und wird sogleich sicht- und spürbar, wenn NETWORK-Männer beisammen sind. Einige von ihnen haben mit ihrem persönlichen Engagement den NETWORK-Kulturfonds ermöglicht. Sie haben NETWORK damit die Möglichkeit eröffnet, indem sie private Mittel an die Gemeinschaft abgetreten haben, ein weiteres Zeichen zu setzen und sich neben der deutlichen Positionierung in der Politik - für die Sache der gleichen Rechte - auch in der Kultur bemerkbar zu machen. Daraus ist die Idee des NETWORK-Kulturpreises entstanden. Er soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden. In einer Zeit knapper werdender öffentlicher Mittel für die Kultur ist deren Förderung von privater Seite zunehmend eine Notwendigkeit. NETWORK, aber auch einzelne seiner Mitglieder übernehmen schon heute Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, indem sie immer wieder ihren Beitrag an die Kultur leisten. Der NETWORK-Kulturpreis ist ein weiteres Beispiel dafür, vor allem aber ist er ein Signal. Preise können die Löcher in der Kulturfinanzierung nicht stopfen, sie sind Auszeichnung, Lob und Anerkennung für hervorragende Leistungen. Für die langfristige Sicherung einer lebendigen Vielfalt unserer Kulturlandschaft braucht es aber eine noch bessere Verständigung und stärkere Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Kulturfinanzierern. Letztere haben andere Beweggründe als der Staat, Kultur zu unterstützen und hierfür fehlt vielerorts das Verständnis oder es sind Berührungsängste vorhanden. Public Private Partnership als Heilmittel aus der Misere wird hier zu Lande wohl noch einige Zeit in der Versuchsphase verharren müssen. Interessant, dass sozusagen umgekehrt proportional zum Rückzug der öffentlichen Kulturförderung eine Zunahme bei der Vergabe von Awards festgestellt werden kann. Wie das Sponsoring ist mancher dieser Awards zum Marketinginstrument von Firmen oder anderer privater Institutionen geworden. Dagegen ist per se nichts einzuwenden - ich selbst bin seit zwei Jahren in diesem Bereich tätig und habe und hatte - auch als Kulturvermittler - immer ein völlig unverkrampftes Verhältnis zur Notwendigkeit der Verbindung von Geld und Kultur. Ich lege aber grossen Wert auf Transparenz und Ehrlichkeit bei der Darstellung der Absichten. Sponsoring hat mit Mäzenatentum nur noch wenig zu tun. Der Sponsor erwartet Gegenleistungen, der Mäzen nicht - jedenfalls sollte es so sein. Dass ein Preis, wenn er einst etabliert ist - sich mit dem Namen seines Spenders verbindet und auch diesem ein wenig zum Ruhme gereicht, schmälert nicht die Uneigennützigkeit der Gabe und schon gar nicht ihre gezielte fördernde Wirkung. Letztere darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Finanzierung unserer Kultureinrichtungen und der Kunstschaffenden ein steter, kontinuierlicher Prozess zu sein hat und es bleiben muss, Preisgelder können diesen nur ergänzen, nicht ersetzen. Der hiermit aus der Taufe gehobene NETWORK-Kulturpreis ist dennoch und in jedem Fall eine gute Sache und für unseren Verein ein wichtiges Zeichen. Er repräsentiert nicht zuletzt in schöner Weise die Tugend, die neben anderen den NETWORKer ausmacht, seine Neigung, sein Interesse und das daraus entstehende Gefühl der Verantwortung für die Kultur.
Der NETWORK-Kulturpreis ist ein Förderpreis und er kann an Vertreter aller Sparten des Kulturschaffens vergeben werden. Es ist nur folgerichtig, dass der jeweilige Preisträger einen Bezug zur Gay-Community haben, oder dass sein Werk auf irgendeine Art der schwulen Sache förderlich sein soll. Damit dienen wir auch unseren Anliegen und grenzen uns ausserdem sinnvoll und deutlich ab von anderen Auszeichnungen.
Das Vergabekonzept des NETWORK-Kulturpreises sieht eine variable Jury vor, die aus Mitgliedern des Kultur-Roundtables besteht und die im Bedarfsfall durch externe Experten ergänzt werden kann. Das scheint mir am Anfang sinnvoll und angemessen. Kompliziertere Verfahren wären dann zu wählen, wenn Art, Inhalt und Frequenz des NETWORK-Kulturpreises - im Moment ist die Vergabe alle zwei Jahre geplant - oder die Höhe des Preisgeldes sich signifikant verändern sollten. Während der Nominierungsvorgang von Preisträgern durchaus ein demokratischer sein darf, indem Vorschläge von allen Vereinsmitgliedern eingereicht werden können, muss dagegen die Unabhängigkeit der Jury und ihr Privileg gewährleistet bleiben, nur ihrer eigenen Kompetenz verpflichtet zu sein und keine Rücksichten nehmen zu müssen. Auch die Donatoren verzichten auf eine direkte Einflussnahme und ermöglichen es dadurch der Gemeinschaft, als Stifterin dieses Preises aufzutreten.
Der erste Laureat also ist Andreas Stadler. Wir zeichnen ihn aus für seine Theaterarbeit «Gilgamesch und Enkidu», ein TheaterBruchStück wie er es nennt. Er hat das Stück aus den Fragmenten der ninivitischen Fassung des Gilgamesch Epos in der Neudichtung von Raoul Schrott entwickelt.
Im Buch der Mythen ist jener von Gilgamesch einer der ältesten, und das Epos gilt als das bedeutendste Werk der babylonischen und eines der bedeutendsten der Weltliteratur, festgehalten auf Tontafeln, um etwa 2000 v. Chr., überliefert es uns die Geschichte von Gilgamesch, dem tyrannischen Herrscher von Uruk. Uruk war eine der vier ersten Städte in der Völkertafel und lag im Zweistromland, zwischen Euphrat und Tigris, im Gebiet des heutigen Irak also. Gilgamesch, auf sumerisch Bilgamesh, wird überliefert als der Erbauer der grossen Mauer von Uruk. Sohn des Lugalbanda und der Göttin Ninsun soll er um 2650 v.Chr. gelebt und sagenhafte 126 Jahre regiert haben und schon bald göttlich verehrt worden sein. In einem Text aus Ebla, um 2450 v.Chr., jedenfalls taucht Gilgamesch bereits auf als «göttlicher König von Uruk, jener vom Zedernwald, der den Himmelsstier umbrachte».
Gilgamesch baute seinen Untertanen Tempel und lehrte sie religiöse Riten, er liess die Wüste fruchtbar machen und Gebirge erschliessen um mit dem Holz der Wälder Schiffe zu bauen. Raoul Schrott nennt ihn in seiner Einführung den ersten Kulturhelden, als der ihn das Epos denn auch darstellt.
Dieses erfuhr im Laufe der Überlieferung etliche Veränderungen, so war Enkidu in der frühen sumerischen Fassung zunächst ein Diener Gilgameschs. Während er in dem in Ninive gefundenen Text von der Göttermutter Aruru aus einem Klumpen Lehm geformt und in die Wüste geworfen, als am ganzen Körper mit Haaren bedeckter Wilder auftaucht. Ein Jäger begegnet diesem am Wasserloch und überbringt Gilgamesch die Nachricht von dem starken Mann, dessen Muskeln hart sind wie ein vom Himmel gefallener Stein. Gilgamesch, dem Enkidu bereits im Traum erschienen war, schickt ihn zurück mit der Hure Shamhat, sie soll den Wilden durch ihre Reize zähmen. Sieben Tage und sieben Nächte lang paaren sie sich, dann geht Enkidu in die Stadt und Gilgamesch und er begegnen sich. In einer Anwandlung von Rivalität kämpfen sie miteinander, dass «Türpfosten und Mauern wackeln», bis Gilgameschs Wut verfliegt und sie sich küssen und Freunde werden.
«Alle Sterne des Firmaments waren hoch über mir als einer wie ein Felsbrocken aus den Himmeln herab zu mir fiel. Wie eine Frau liebte ich ihn, hielt ihn im Arm und streichelte ihn.»
Eine wunderschöne Szene, ein wunderbarer Stoff! Rilke, der die Urfassung des Epos kannte, rechnete es «zum Grössten, das einem widerfahren kann». Um so erstaunlicher, dass dieses - anders als beispielsweise die Homerischen Epen, man denke nur an die Odyssee - kaum rezipiert und literarisch verarbeitet worden ist. Eingang in zahlreiche andere Mythen - auch in die Bibel - hat es dennoch gefunden. Raoul Schrott ist es mit seiner Nachdichtung endlich gelungen dieses in eine verständliche und lesbare Sprache zu übertragen. Bisher war man im Deutschen auf zwei arg verstaubte Texte aus den fünfziger und sechziger Jahren angewiesen.
Andreas Stadler kommt das Verdienst zu, uns das Gilgamesch Epos durch sein Theaterstück direkt zugänglich, sicht- und erlebbar zu machen. Er greift in einer Rahmenhandlung die Umstände der Entdeckung jener Tontafeln in den Ruinen von Ninive durch George Smith auf und entwickelt das Stück aus der Entzifferung der in Keilschrift darin geritzten Geschichte. Eines der grossen Themen im Epos spielt auch in Andreas Stadlers Stück eine zentrale Rolle: Das Element der Angst und die Überwindung der Todesfurcht. «Die Angst hat sich in mein Herz geschlichen/Die Furcht vor dem Tod lässt mich durch die Wildnis wandern» sagt Gilgamesch. Unsterblichkeit als Utopie, wenn dieser sich auf der Suche nach seinem toten Gefährten Enkidu auf den gefahrenvollen, dunklen Weg durch die Unterwelt macht und in der Hoffnung, das Geheimnis von Leben und Tod zu ergründen, das Wasser des Todes - den Ozean - überquert. «Lass meine Augen die Sonne sehen und satt werden vom Licht / Die Dunkelheit ist unendlich / Wie wenig Licht gibt es in ihr.»
Mit Andreas Stadler zeichnet NETWORK einen vielfach begabten Theatermann aus, er ist Autor, Regisseur und Schauspieler. Erlauben Sie mir, meine Worte auch letzterem - in der Rolle des flinken Malergesellen Pascal aus Henkels «Altrosa» - zu widmen, der nicht nur Magret, der alten Frau aus dem Stück, den Kopf verdreht hat! Herzlichen Glückwunsch Andreas Stadler!
Interview mit Andreas Stadler >>



