Schwule in der Schweiz und ihre Geschichte – Überblick
Die 90er Jahre und das neue Jahrhundert
Mit der Katastrophe AIDS eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten auf homosexueller Seite:
Das unverkrampfte Zusammengehen mit Behörden und ein Heraustreten an die Öffentlichkeit, das nicht mehr beargwöhnt, sondern eher verstanden und begrüsst wurde. In breiteren Kreisen der Gesellschaft bewirkte die Krankheit mit ihren offensichtlichen Gefahren für alle ein Aufbrechen von Tabu-Zonen um Sexualität und Homosexualität. Selbst in Familien begann man über Prävention und sexuelle Praktiken offener und unverkrampfter zu sprechen.
Die Mentalität änderte sich. Viele neue Zusammenschlüsse von Schwulen und Lesben konnten entstehen, denn nun schien der aktive, gemeinsame Kampf für Veränderungen, Öffnung und Akzeptanz aussichtsreich. Zugleich entwickelten sich vielfältige schwul-lesbische Formen eigener Kultur und Tradition und fanden bald über die homosexuellen Zirkel hinaus Beachtung: Die «Regenbogenkultur» der 90er Jahre und des neuen Jahrhunderts war geboren.
Im Kampf um die Revision des StGB wurde 1992 das gleiche Schutzalter von 16 Jahren für beide Geschlechter erreicht, zusammen mit der Abschaffung des einseitigen Verbots männlicher Prostitution, des schwammigen Begriffs «Verführung» und der Bestrafung homosexueller Akte im Militär.
Die wichtigsten Gründungen dieser Zeit waren die neuen nationalen Organisationen:
1989: LOS, Lesbenorganisation Schweiz (Dachverband)
1993: Pink Cross, Schwulenorganisation Schweiz (Dachverband)
1995: NETWORK, Verein für schwule Führungskräfte
1997: FELS, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen
Ebenfalls 1997 wurde Pink Rail gegründet, die erste schwullesbische Gewerkschaft der Schweiz. Sie umfasst Mitarbeitende im gesamten Transportwesen.
1992 begann der Kampf um die gleichen Rechte für gleichgeschlechtliche Paare, in welchem einzelne Kantone vorpreschten, um dem Zögern auf Bundesebene ein Ende zu bereiten: 2001 Genf mit dem Pacs Genevois und 2002 Zürich per Volksabstimmung mit seinem wesentlich weiter gehenden Partnerschaftsgesetz, das am 1. Juli 2003 in Kraft gesetzt wurde. Die neue Justizministerin Ruth Metzler sorgte in kurzer Zeit für eine grosszügige eidgenössische Lösung, welche am 3. Juni 2005 landesweit an der Urne mit 58% angenommen wurde, weltweit erstmalig für ein Gesetz dieser Art. Per 1. Januar 2007 konnte das eidgenössische Partnerschaftsgesetz in Kraft treten.
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