Zur Homepage von network.ch.
  Letzte Aktualisierung: 18.06.13
Navigations-Pfad: Homepage / Wir über uns / Schwul und out?    
  


NETWORK Login

Email:

Password:



EGMA - European Gay Manager Association

NETWORK Sekretariat
Postfach
CH-8027 Zürich
Tel. 044 918 30 31
Home
Mitglied werden?
Kontakt
Suche
Sitemap
Gay Business
Links
Druckversion

Interview mit Guido Westerwelle

«Das ist mein Leben»

 

Der Chef der deutschen FDP, Guido Westerwelle über sein stilles Outing und die politischen Forderungen zur Stärkung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Wiedergabe des Interviews im Spiegel vom 26. Juli 2004, ohne den Abschnitt über die deutsche Innenpolitik.

Herr Westerwelle, nun weiss ganz Deutschland, dass der FDP-Vorsitzende einen Mann liebt. Sind Sie erleichtert?

Ich mache mir vermutlich weniger Gedanken als Sie. Denn ich habe mein Leben nie versteckt, ich habe es einfach nur gelebt und keine grossen Reden darüber gehalten. Das wird übrigens auch in Zukunft so sein.
 
Sie sind mit Ihrem Partner Michael Mronz innerhalb kurzer Zeit mehrfach bei öffentlichen Veranstaltungen aufgetreten, beim Reitturnier in Aachen, bei einer Feier zu Ehren des neuen Bundespräsidenten Horst Köhler und beim 50. Geburtstag von Angela Merkel. Haben Sie gewollt, dass Ihre Beziehung öffentlich wird?

Ich habe das gemacht, was viele Menschen in meiner Situation tun: Ich bin nicht allein, sondern in Begleitung zu einigen Anlässen erschienen. Ich sehe das undramatisch. Was hat denn stattgefunden?
 
Immerhin: Ein stilles Outing.

Ich bin für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Fragen. Ich will als Mensch Guido Westerwelle mein Leben leben, weil ich auch nur eines habe. Das ist ja keine Generalprobe, sondern das ist mein Leben.
 
Und die politische Wirkung hat Sie nicht interessiert?

Ich kann nichts daran ändern, ob mein Leben den Leuten gefällt oder nicht gefällt. Ob mein Leben in grossen Städten Zuwächse an Wählerstimmen mit sich bringt oder ob es in ländlichen Regionen möglicherweise Ablehnung hervorruft. Das weiss ich nicht, das werden wir niemals erfahren. Ich kann mich auch nicht danach richten. Für mich ist mein Leben völlig selbstverständlich. Ich lebe es selbstbewusst und kann von mir sagen, ich habe nie eine Kulisse geschoben.

Warum haben Sie sich jetzt entschlossen, jenen Teil Ihres Privatlebens öffentlich zu machen, den Sie bisher ab geschirmt haben?

Man kann doch nur dann gemeinsam zu Veranstaltungen gehen, wenn man nicht allein ist.

Wir kennen Sie als einen rationalen Menschen, der sich sehr genau überlegt, ob es richtig ist, dieses oder jenes zu tun.

Vielleicht ist es so, dass Sie nur meine rationale Seite kennen.

Man hat Ihnen deshalb in der FDP oft vorgeworfen, Ihr Politikverständnis sei zu sehr auf Wirtschaftsfragen verengt. Nun könnte sich das Bild des liberalen Politikers Westerwelle runden. Ist das ein gewünschter Nebeneffekt?

Mir klingt das zu kalkuliert. Ihre Frage erweckt den Eindruck, als wäre irgendetwas strategisch geplant.

Aber es gibt Wirkungen, die, auch wenn sie nicht geplant sind, eintreten.

Einverstanden. Aber Sie müssen mir schon zugestehen, dass ich den Wirtschaftsthemen politische Priorität einräume. Die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit durch eine überzeugende Wirtschaftspolitik ist und bleibt die Herausforderung Nummer eins in Deutschland.

Anders als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der sehr offensiv mit seiner Homosexualität umgegangen ist, haben Sie zwar gelegentlich Andeutungen gemacht - etwa, wenn Sie vom «Hin- und Hergerissensein» während der Pubertät sprachen -, mehr aber nicht. Warum diese Zurückhaltung?

Ich möchte mal die Rückfrage stellen: Waren Sie während der Pubertät nicht hin- und hergerissen? Dann wären Sie die Einzigen, die ich kennengelernt habe.

Nochmals: Bestand nicht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit des Politikers Westerwelle leidet, wenn das Publikum den Eindruck gewinnt, dass er sich zu seinem Privatleben nicht bekennt?

Man bekennt sich zu Fehlern. Das Wort «bekennen» klingt mir nicht selbstbewusst genug.

Die 68er haben immer gesagt: Das Private ist auch politisch und das Politische immer zugleich privat. Stimmt der Satz noch?

Der Satz hatte in der Zeit der 68er mit damals völlig anderen gesellschaftlichen Verhältnissen durchaus seine Berechtigung. Aber wir sind 30 Jahre weiter. Es gibt diesen mittelalterlichen Paragrafen 175 nicht mehr, der Homosexualität unter Strafe gestellt hat. Das hat die FDP in der Zeit ihrer Regierungsbeteiligung durchgesetzt. Wir haben in unserem Grundsatzprogramm einmal aufgeschrieben: Freiheit ist Vielfalt. Vielfalt heisst in der Marktwirtschaft Wettbewerb. Und in der Gesellschaft heisst Vielfalt Toleranz.

Und die Familie, gleichsam die Keimzelle einer jeden Gesellschaft, ist demnach nur noch ein Modell unter vielen?

Es ist mittlerweile so, dass in nahezu allen grossen Städten viele Menschen ausserhalb der klassischen Gemeinschaft von Ehe und Familie leben, als unverheiratete Paare, als Singles, als Verantwortungsgemeinschaften freier Menschen. Das ist kein Plan der FDP, das ist gesellschaftliche Realität.
 
Und Sie verlangen, dass diese Verantwortungsgemeinschaften auch rechtlich mit der Ehe gleichgestellt werden?

Der besondere Status von Ehe und Familie im Grundgesetz muss gewahrt bleiben. Aber gleichzeitig geht es uns darum, dass die gleichgeschlechtlichen eingetragenen Partnerschaften in vollem Umfang nicht nur die gleichen Pflichten, sondern auch faire Rechte haben. Derzeit ist die Lage doch so, dass solche Lebensgemeinschaften eine Menge Pflichten haben, zum Beispiel Beistandspflichten gegenüber dem Sozialstaat, aber die angemessenen Rechte werden ihnen verweigert. Das kann nicht richtig sein.
 
An welche Rechte denken Sie?

Rot-Grün verkauft die Tatsache, dass in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft der eine Partner das leibliche Kind des anderen als Elternteil annehmen kann, als grosse Revolution. Das ist in meinen Augen aber eine schlichte Selbstverständlichkeit. Die FDP dagegen will das Adoptionsrecht auf alle festen gleichgeschlechtlichen Paare ausweiten. Denn: Wenn man die Wahl hat zwischen dem Aufwachsen in behüteten, liebevollen Verhältnissen und dem Aufwachsen eines Kindes in einem Heim, dann entscheidet man sich doch zum Wohl des Kindes für die behüteten Verhältnisse.

Gilt Ihre Forderung nach gleichen Rechten für homosexuelle Paare auch für eine steuerliche Behandlung dieser Lebensgemeinschaften?

Natürlich. Wir haben einen Gesetzentwurf im Bundestag eingebracht, der sehr detailliert vorgeht und im Ergebnis zu einer wirklichen Reform führt. Rot-Grün ist bei dem ganzen Thema auf halber Strecke stehen geblieben.

Die enormen Kosten einer solchen Aktion, weil das Ehegatten-Splitting fortan auch für homosexuelle Paare gelten müsste, interessieren Sie nicht?

Entlastungen und Belastungen werden sich die Waage halten. So könnten die öffentlichen Haushalte im Bereich der Einkommensteuer mit Mindereinnahmen belastet werden, das stimmt. Im Sozialbereich hingegen dürften den Einsparungen durch die Einbeziehung des Lebenspartners in die Bedürftigkeitsprüfung gegenüberstehen.
 
Dann wünschen wir Ihnen viel Vergnügen mit Ihrem möglichen Koalitionspartner. Der CSU-Abgeordnete Norbert Geis spricht immer wieder von der «Abartigkeit» der Homosexualität, Edmund Stoiber hat einmal gesagt, wenn homosexuelle Beziehungen in Deutschland mit Ehe und Familie gleichgestellt würden, könne man auch gleich über Teufelsanbetung reden.

Die CSU wähle ich nicht, sondern ich wähle FDP. Ich habe mit dem konservativen, gelegentlich sogar erzkonservativen Weltbild der CSU und von Teilen der CDU herzlich wenig am Hut. Ich bin Mitglied der FDP, und die unveränderlichen Kennzeichen der FDP sind für mich mit drei Worten zusammengefasst: Leistungsbereitschaft, Weltoffenheit und Toleranz.

Ein handfester Koalitionskrach, vielleicht sogar ein Kulturkampf mit den Christsozialen scheint unausweichlich.

Ich habe schon vor der letzten Bundestagswahl den Kanzlerkandidaten Stoiber nicht darüber im Unklaren gelassen, dass das, was in der vergangenen Legislaturperiode an politischen und rechtlichen Fortentwicklungen gegen die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften stattgefunden hat, nicht zurückgedreht werden kann. Das gilt auch für die nächste Bundestagswahl. Die FDP wird einer gesellschaftspolitischen Rolle rückwärts in die fünfziger Jahre niemals zustimmen. Im Gegenteil: Wir wollen weitere Fortschritte durchsetzen.

Outing

Interview im Spiegel mit
Guido Westerwelle >>

Kurt Aeschbacher im Gespräch mit
Alfred Biolek
>>

Interview mit
Claude Janiak >>

Der schönste Coming-out Satz: «Ja, wir sind ein Paar». Kommentar zu Anne Will >>


Der Verein

Der Verein NETWORK und sein Selbstverständnis

Unsere Ziele und
Grundsätze >>

Unser Leitbild >>

Schwul und out? >>

Die Höhepunkte der Vereinsgeschichte >>

Die Organisation von NETWORK >>

Kontakt mit dem Sekretär
oder Präsidenten >>

Unsere Partner-
organisationen >>


Mitglied werden

Wir freuen uns dich kennen
zu lernen.

Infos zur Mitgliedschaft >>