Homosexualität im Tierreich
Was Tiere in der freien Wildbahn so genau machen, wie ihr Sozialverhalten organisiert ist, wird erst seit den 50er Jahren erforscht. Viel dazu beigetragen hat die Technik. Erst leistungsfähige Teleobjektive, Nachtsichtgeräte und transportierbare Kameras haben eine brauchbare und bezahlbare Beobachtung möglich gemacht. Homosexuelle Verhaltensweisen wurden schon vorher in Zoos und Gehegen beobachtet, aber als eine Folge von kulturdekadenter Käfighaltung angesehen und einfach verschwiegen. Nachfolgend eine Zusammenstellung publizierter Artikel und Bücher.
Homosexualität bei Tieren - für die Zoologen heute eine wissenschaftlich belegte Tatsache
Bereits 1966 erschien in Heft 5 der Monatszeitschrift «Studium Generale» im Springer-Verlag Berlin ein Aufsatz von F. Schutz: «Homosexualität bei Tieren».
1990 veröffentlichte Volker Sommer, Professor am Institut für Anthropologie der Universität Göttingen, ein Buch über seine Verhaltensforschungen im Bereich Sozial- und Sexualverhalten mit dem Titel: «Wider die Natur? Homosexualität und Evolution.»
Biologische Üppigkeit und Verschwendung
1999 erschien das inzwischen (im englischen Sprachraum) zum Standardwerk gewordene umfangreiche Werk von Bruce Bagemihl: «Biological Exuber-ance, Animal Homosexuality and Natural Diversity», welches auf Grund von zahllosen Ergebnissen der Feldforschung aufzeigt, dass der Sexualtrieb mit seinem Erzeugen von Lust und Entspannung in der Natur hauptsächlich dem Herstellen und Festigen von Sozialkontakten und dem natürlichen Abbau von Stress dient und nur eher zufällig auch die Fortpflanzung garantiert. Homosexualität spielt dabei nicht nur für die meisten Säugetiere eine weit verbreitete Rolle, sie wird auch bei Vögeln, Reptilien, Fischen und sogar Insekten und anderen Wirbellosen oft praktiziert.
Je nach Art und Gattung sind jahre- bis lebenslange gleichgeschlechtliche Partnerschaften mindestens so häufig wie bei Menschen: 5 bis 7 Prozent. Einfache homosexuelle Akte machen, wiederum je nach Art und Gattung, 40 bis 95 Prozent aller Sexualkontakte aus. Homosexualität ist offenbar von der Evolution nie ausgemerzt worden. Sie muss ihren Sinn haben. Männliche Vogelpaare beispielsweise stehlen Eier aus den Nestern heterosexueller Paare, bauen grössere Nester und schützen ihre Jungen besser vor Feinden, weil sie stärker sind. Weibliche Paare dagegen legen nach der Befruchtung durch ein Männchen, das sie danach vertreiben, doppelt so viele Eier, brüten sie aus und übernehmen die Pflege hingebungsvoll. Homosexuelle Paare sind ebenso gute und zudem bei gewissen Tierarten erfolgreichere Eltern wie heterosexuelle Paare.
Das bizarre Sexualleben der Tiere
1999 gab Michael Miersch ein weniger exakt wissenschaftliches, wohl aber auf die oben angegebenen und andere ähnliche Forschungsergebnisse aufbauendes Lexikon heraus mit dem Titel «Das bizarre Sexualleben der Tiere. Ein populäres Lexikon von Aal bis Zebra».
2003 veröffentlichte Volker Sommer in der «Weltwoche» einen Essay «Zu Ursachen und Funktion der Homosexualität», worin er nach einer Aufzählung von wissenschaftlich belegten Vorkommen eindeutig homosexueller Verhaltensweisen bei diversen Tierarten zum Schluss kommt, dass Homosexualität, «obwohl oft unterdrückt, obwohl bei Juden, Christen und Muslimen mit Sanktionen bis hin zur Todesstrafe belegt,» nicht auszurotten war. Und er fährt fort: «Steckt hinter dieser hartnäckigen Neigung etwa die fördernde Hand genau jener Natur, gegen die sie nach Ansicht der Moralapostel verstösst? (...) Durchaus ‹wider die Natur› geht es da zu, wo die Natur noch unverfälscht ist: bei Tieren. Homosex ist an der Tagesordnung – und zwar nicht im kulturdekadenten Zookäfig, sondern in Gottes freier Wildbahn.»
Führungen und Ausstellungen
Seit 2003 veranstalten die Zoos von Amsterdam, Zürich und Basel spezielle Führungen zum Thema Homosexualität in der Tierwelt. Sie sind sehr populär und immer gut besucht.
2006 gab es eine Ausstellung zum Thema: «Wider die Natur?» Dazu brachte die Basler Zeitung den Bericht «Homo-Schwäne» von Hannes Gamillscheg, Kopenhagen: «Die Idee für die Ausstellung habe er von einem Pastor bekommen, sagt Geir Söli, Projektleiter an Oslos Naturhistorischem Museum: ‹Der sagte am Radio, dass Homosexualität widernatürlich sei. Als Zoologe weiss ich, dass das Quatsch ist.› Deshalb können die Norweger nun in der städtischen Sammlung Bilder von schmusenden Killerwal-Männchen, Giraffinnen im Liebesspiel und Kinder hütenden schwulen Schwänen bestaunen. ‹Bei 1500 Tierarten hat man gleichgeschlechtliche Beziehungen dokumentiert›, sagt der Museumschef. ‹Wider die Natur?› heisst die Schau, und das Fragezeichen beantwortet er direkt: ‹Wie kann Homosexualität der Ordnung der Natur widersprechen, wenn sie im Tierreich so stark verbreitet ist?› So widerlege die Natur selbst das ‹stärkste Argument der Homophoben›, sagt Söli. (...) Bürgermeister Erling Lae, selbst offen schwul, war begeistert: ‹Dass gleichgeschlechtliche Paare unter Tieren
gewöhnlicher sind als bei Menschen, stellt alles auf den Kopf, was wir bisher glaubten (...)›, sagte er bei der Vernissage. (...) ‹Tiere haben der Forschung zufolge Sex in allen denkbaren Varianten›, sagt Söli, und sie tun es nicht nur der Fortpflanzung wegen, ‹sondern weil es Spass macht›. Dieses Wissen könne dazu beitragen, Homosexualität bei Menschen zu ‹entmystifizieren›, glaubt man im Naturhistorischen Museum: ‹Indem wir zeigen, wie verbreitet solches Verhalten bei Tieren ist, hoffen wir jedenfalls die Behauptung zu widerlegen, dass Homosexualität der natürlichen Ordnung widerspricht». In einem anderen Zitat erklärte Söli: «Oft haben Zoologen in der Vergangenheit die Homosexualität der Tiere einfach ignoriert.»
Teil der Evolution
Nach neuen und neuesten Forschungen scheint demnach mehr und mehr festzustehen, dass es Homosexualität schon seit Urzeiten und längst vor der Entstehung des Menschen gegeben hat. Bereits im 18. Jahrhundert wurden eindeutige Ergebnisse aufgezeichnet, aber aus Furcht vor der öffentlichen Meinung und der Kirche sind Publikationen unterlassen worden. Diese Unterlagen sind teilweise in Archiven noch vorhanden und wurden in einigen der oben angeführten Publikationen und Dokumentationen berücksichtigt.
Eigenartigerweise ist Homosexualität durch die Evolution nicht ausgemerzt worden, was auf ihre tiefe Verwurzelung wie auf bestimmte, offenbar wichtige Funktionen innerhalb von Natur, Evolution, sozialem Gefüge und psychischer Ausgeglichenheit einzelner Individuen, ganzer Familien und Sippen oder Gruppen hindeutet und so auch schon dokumentiert werden konnte, etwa bei den laut Forschungen zu 80 Prozent bisexuellen Bonobos, den Zwergschimpansen.
Sicher steht fest, dass Homosexualität als Teil der Natur zu sehen ist und, egal ob bei Menschen oder Tieren, als natürliche Anlage und Möglichkeit anerkannt werden muss – besonders im Hinblick auf Vermeidung von neurotischen Entwicklungen bei einzelnen Lebewesen wie zum Abbau von sozialen Störungen.
Echte Homosexualität ist wohl so wenig veränderbar wie die Blutgruppe, während es im Bereich der Bisexualitäten sowohl bei Tieren wie Menschen viele Zwischenformen gibt von jahrelang heterosexuell und plötzlich homosexuell Lebenden wie umgekehrt von Homosexuellen, die später heterosexuell verkehren.
Zusammengestellt im Januar 2007
Im Rahmen des warmen mai gibt es alljärlich Führungen zum Thema im Zoo Zürich


