Schwul sein heute – ganz normal ! – ganz normal ?

- Der Eingang zum Hotel Schweizerhof in Luzern am Nachmittag der GV 2008 von NETWORK
Eine verhinderte Karriere, weil man homosexuell ist – ist das denn heute noch möglich? Schien Schwulsein in den vergangenen Jahren nicht geradzu normal geworden zu sein? Reihenweise haben sich Künstler, Medienschaffende, Politiker als schwul geoutet, ohne dass es ihrem Ansehen geschadet hätte – eher im Gegenteil. Der zum geflügelten Wort avancierte Satz von Klaus Wowereit «Ich bin schwul, und das ist auch gut so», wirkte auf manche Heteros fast schon provozierend. Doch der Satz war an die eigene, an unsere schwule Gemeinde gerichtet, sich nicht mehr zu ducken – und in der Tat stärkte er dadurch unser Selbstbewusstsein.
Endlich schienen Homosexuelle in der Gesellschaft angekommen. Wichtigster Meilenstein war da das Partnerschaftsgesetz, welches 2007 in Kraft trat und wo viele Paare von der Registrierung auch Gebrauch gemacht hatten. Aber genug? Wir haben so lange dafür gekämpft, dass alle Paare, die sich sicher sind, diese Chance nutzen sollten. Hat doch in der Schweiz nicht der Staat, wie in andern Ländern, sondern der Stimmbürger - mit einem beachtlichem Mehr – uns das Vertrauen ausgesprochen. Wir sind zwar nicht in jeder Hinsicht den Ehepaaren gleichgestellt, aber wichtiger ist die Botschaft: Homosexuelle sind akzeptiert, wir müssen unsere Beziehung nicht länger verstecken. Unsere Sexualität und – wichtiger – unsere Identität werden nicht mehr abgewertet.
Wirklich? Die Kirche hat nach wie vor ihre Probleme mit unserem Schwulsein, in der Schule steht «schwul» in der Hitliste der beliebtesten Schimpfwörter unter Schülern ganz oben. Im Sport ist Schwulsein immer noch ein tabu. Oder kennt jemand einen geouteten schwulen Spitzenfussballer oder Skistar? Und sind wir wirklich in jedem Beruf so unanfechtbar, wie es uns das neue Gesetz glauben lassen möchte … Von Übergriffen lesen wir immer wieder. Oder – noch schlimmer – wir erfahren diese sogar selber.
Darum ist nach wie vor die Vorsicht bei uns zur zweiten Natur geworden, wir trauen der Liberalisierung nicht so recht. Denn Homosexualität ist in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch ein Tabu. Da haben wir alle noch viel Arbeit zu leisten. Wir alle. Die Landkarte der Toleranz bietet ein widersprüchliches Bild. Wo sich ganze Branchen wie Kultur und Werbung mit dem schwulen Element geradezu schmücken oder wo, wie in der Politik und Wirtschaft, mit Gesetzen ein guter Rahmen vorgegeben ist, da wurde viel erreicht. Wo aber der Wildwuchs des Lebens vorherrscht, krachen nach wie vor Unwissen, Vorurteile, Ängste und Aggressionen ungefiltert aufeinander. Wir haben noch alle viel zu tun. Seien wir uns dies bewusst. Doch seien wir auch stolz auf das Erreichte – gemeinsame Arbeit – gemeinsames NETWORKing – wird uns weiterbringen!
Schwule sind schuld an Erdbeben
Reflektionen an der GV in Meggen an den 18. September 1601
An diesem Tag ist die Schweiz von einem der schwersten Erdbeben Zentraleuropas erschüttert worden. Renward Cysat, der Stadtschreiber von Luzern, berichtete, dass das Wasser der Reuss zurück in den Vierwaldstättersee geflossen sei und «. . . das man schier trochens fuosses von dem büchsenhuss zuo den mülinen herüber hette gan mögen, wie es dann ettliche junge lütt zur gedächtnuss söllent gethan haben». Bald darauf strömte das Wasser mit grosser Heftigkeit wieder in den Flusslauf zurück. Als Cysat später die Uferregionen des Sees inspizierte, sah er Schiffe, die ans Land gespült worden waren und bis vier Meter über dem eigentlichen Seespiegel lagen.
Heute würde man dem Tsunami sagen …
Wir hoffen, heute lösen wir kein Erdbeben aus, doch es gibt Leute, die sind sicher, Schwule sind schuld an Erdbeben:
5. Januar 2005
Ein libanesischer Professor hat der Unmoral die Schuld am grossen Tsunami im Indischen Ozean gegeben. In einem Interview mit dem Middle East Media Research Institute TV Monitor Project sagte Scheich Fawzan Al-Fawzan von der Al-Imam University in Beirut, Schuld sei die zu Weihnachten an den Stränden vorkommende sexuelle Sünde. «Diese grosse Tragödie und kollektive Bestrafung, die ganze Dörfer, Städte und ganze Länder auslöscht, ist Allahs Bestrafung für die Menschen dieser Länder, sogar, wenn sie Muslime sind», so Al-Fawzan. An diesen Resorts komme es immer wieder zu «sexueller Perversion», gerade zu Weihnachten. Das sei ein «Zeichen von Allah», dass er Ehebruch und Homosexualität bestrafe ...
Ein Mullah mit mittelalterlichen Vorstellungen?
20. Februar 2008
Als vor einigen Wochen ein Erdbeben der Stärke 5,3 Israel erschütterte, war die Ursache für die Parlamentarier der orthodoxen Partei Shas klar: Die in Israel angeblich grassierende Homosexualität habe wie Sodom und Gomorra zu der Naturkatastrophe geführt. Nicht nur das, sie schlagen auch vor, dass ein Verbot der Homosexualität die effizientere Massnahme zur Erdbebenprävention sei, als Evakuationspläne auszuarbeiten und Unsummen in die Befestigung von Gebäuden zu investieren ...
So einfach ist das das!
15. Juni 2007
Als fast erfreulich müsste man natürlich die Meldung empfinden, welche vom Pentagon im vergangen Jahr bestätigt wurde, nämlich dass man die Entwicklung einer biologischen Waffe, die heterosexuelle Soldaten schwul machen sollte, erwogen hatte. Der Plan war so, dass nach dem Abwurf der Bombe über feindlichen Stellungen die gegnerischen Verbände durch Hautkontakt oder Einatmen des Wirkstoffes sich in disziplinlose Haufen verwandeln, welche der Männerliebe anheimfielen und nur noch exzessiven Sex im Sinn hätten und damit kampfunfähig wären ....
Wenn es so einfach wäre!
Was geistert da für ein Bild in den Köpfen herum?
Wie weit wird dem Glauben geschenkt?
Doch es sind keine Episoden aus der Muppet-Show …