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Immigrantenkultur versus Menschenrechte?

Immigrantenkultur versus Menschenrechte – Homosexuelle im Kulturkampf?

Zusammenfassung des Hauptreferats von Prof. Bassam Tibi

Der Vortrag befasste sich thematisch mit der kulturellen Dimension der Zuwanderung von Menschen aus vormodernen Kulturen, die nicht die Tradition der individuellen Menschenrechte kennen. Die Thematik wird illustriert an der Problematik der Sexualität und des Rechts auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

 

Einführung

Kulturromantiker stellen sich die multikulturelle Gesellschaft als Idylle des Zusammenlebens von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vor und übersehen hierbei, welche Wertekonflikte damit verbunden sind. Zur Illustration der Problematik eignet sich die Geschichte des früheren Marxisten und Soziologieprofessors Pim Fortuyn aus Rotterdam. Dieser geriet vor seiner Ermordung in eine heftige Kontroverse mit dem aus Marokko stammenden Imam der Rotterdamer Moschee. Der Imam bezeichnete alle Homosexuellen als «Schmutz» und rief zu deren «Ausrottung» auf; seine Begründung, Schwule seien weniger wert als Schweine. Pim Fortuyn hat sich gegen diese Sichtweise der Migrantenkultur erhoben, ging in die Politik und schrieb das Buch «Gegen die Islamisierung unserer Kultur». Von Multikulturalisten wurde er deshalb zum Sündenbock gemacht und als «Rechter» verunglimpft. In der Welt des Islam gilt Homosexualität – ebenso wie nichteheliche Heterosexualität – als «sexuelle Ausschweifung» und steht unter Strafe. Eine Aktualität bietet der Gottesstaat Iran, wo allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres 156 Menschen durch den Strang exekutiert wurden. Unter ihnen viele Homosexuelle. Dies geschah im Iran, aber genau das ist auch der Wunsch des Rotterdamer Imams für Europa.

 

Menschenrechte und demokratische Kultur

Zur Idee der Menschenrechte gehört das individuelle Selbstbestimmungsrecht, auch über den eigenen Körper und somit über die eigene Sexualität, dies natürlich innerhalb der Ethik der Menschenrechte. Nach dieser Ethik steht beispielsweise Pädophilie ausserhalb des Katalogs freier Sexualität. Aber die Wahl der Homosexualität unter Erwachsenen gehört zu den Menschenrechten. Die europäische Herkunft der Menschenrechte steht nicht im Widerspruch zu ihrem universellen Anspruch. Doch geniessen die individuellen Menschenrechte keine universelle Legitimität, explizit nicht im Weltbild von fundamentalistischen islamistischen Predigern.

 

Der Islam in Europa als Migrantenkultur

Heute muss man der veränderten Situation Rechnung tragen und den Fakten entsprechend vom Islam in Europa sprechen. Es leben zurzeit in Europa 32 Millionen Muslime, davon rund 24 Millionen als Migranten in vormals christlich geprägten Ländern und sind die am schnellsten wachsende Minderheit. Diese bringen nicht nur sich und ihre Familien, sondern auch ihre Weltanschauungen und Wertesysteme mit. Dazu gehört eine vormoderne sexuelle Moral, die in diametralem Gegensatz zu westlichen Wertvorstellungen steht. Dies gilt aber auch für andere Bereiche wie das Recht auf Kritik, Glaubensfreiheit und die Vorstellungen von den individuellen Grundrechten. Wieviel Migrantenkultur kann Europa verkraften, ohne sich aufzugeben? Diese Frage stellt sich für die Zukunft.

 

Sexualität und Migrantenkultur

Globale Migration bringt Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. Kulturelle Vielfalt kann eine Quelle des Reichtums, aber auch des Konfliktes sein. Sexualmoral ist ein Konfliktherd im Wertekonflikt. Migration ist allgemein mit Wertekonflikten verbunden, wofür ich den Begriff des «weltanschaulichen Krieges der Zivilisationen» geprägt habe. Das islamische Verständnis von Sexualität beinhaltet Vorstellungen, die mit den europäischen Werten nicht in Einklang stehen. Doch vermeintlich «fortschrittliche» Europäer erlauben keine Diskussion hierüber.

 

Konklusionen

Ich sehe drei einander sich ausschliessende Szenarien:

  1. Man nimmt die Probleme der Migrantenkultur als Zündstoff für fremdenfeindlichen Populismus (rechtsextreme Parteien und Verbände).
  2. Das Gegenteil hiervon ist die verordnete Fremdenliebe der Multikulturalisten, die Wertebeliebigkeit predigt und fremde Kulturen romantisiert.
  3. Als Alternative zu diesen beiden Extremen schlage ich den Kulturpluralismus vor, der Vielfalt mit Wertekonsens verbindet. Dazu gehört das Recht «Nein» zu sagen (z.B. zu islamischen Vorstellungen über Moral und Sexualität), ohne als Fremdenfeind zu gelten.

Migrantenkultur ist heute angesichts des grossen und stets wachsenden Anteils der Migranten an der Bevölkerung Europas eine nicht mehr zu übersehende Realität. Man muss ohne Wenn und Aber zur zivilisatorischen Identität Europas stehen, zu der säkularen Demokratie und zu den individuellen Menschenrechten. Es muss möglich sein, dies im Dialog und ohne Anfeindung der Migranten zu tun, was jedoch nicht bedeuten kann, dass man Migrantenkultur unwidersprochen hinnimmt.

Zürich, 8. September 2007

 

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