Als Schwuler in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit
Ich bin schwul – und das ist auch gut so !
Dieser Satz von Klaus Wowereit bei seiner Wahl zum Bürgermeister von Berlin, neben Bundeskanzler Schröder sitzenend, ist der Meilenstein in der Emanzipation der Schwulen. Die Annahme des schweizerischen Partnerschaftsgesetzes durch den Stimmbürger ist die rechtliche Anerkennung in der Schweiz. Politiker und Staatsbeamte dürfen heute schwul sein. Und mit ihnen der grosse Teil der Schwulen. Sie sind in den westlichen Ländern vollwertige Menschen.
Ich bin schwul – und warum die Frage ?
Künstler durften schon lange schwul und erfolgreich sein. Ein exotischer Lebensstil macht den Künstler erst recht interessant. Doch wenn sie nicht erfolgreich sind, dann wirds wohl am Verschwenden der Zeit im nichtsnützigen schwulen Milieu liegen? Oder ist das schwule Künstlertum nur die Rechtfertigung für den exotischen Lebensstil?
Schwierig ist es bei den Hollywoodstars, da haben Produzenten und Manager höllisch Angst, wenn ihr Idol, das sie mit einem bestimmten Image an das Pubikum vekaufen, sich plötzlich als Schwuler outet. Man weiss nie so genau im voraus, wie das Publikum das aufnimmt. Eigentlich komisch, jedes Jahr versuchen diese Manager neue Gesichter zu verkaufen, da müssen andere abtreten, seis nun weil sie älter werden, man von ihnen immer das gleiche hört und sieht, oder weil sie nach Jahren als Mädchenschwarm nun ganz sicher nicht zu haben sind. Der Unterschied zwischen keiner realistischen Chance und absolut keiner Chance die Freundin eines Stars zu werden – und sei es nur für eine Nacht – bestimmen weibliche Teenager-Träume und Künstlerkarrieren!
Ich bin schwul – und das darf aber niemand wissen ?
Für eine Karriere in den grossen Unternehmen, darfs da keiner wissen, dass man schwul ist? Oder wollen Schwule keine solche Karrieren machen? Jedenfalls hat es bei NETWORK verschiedene Mitglieder, die mittlere Kaderpositionen in grossen Firmen inne haben. Aber aus der Geschäftsleitung oder dem Verwaltungsrat einer grossen, börsenkotierten Firma haben wir kein Mitglied. Wir kennen auch niemanden. Gibt es Schwule in solchen Positionen – haben aber nicht die Zeit und das Bedürfnis in einem Verein wie NETWORK dabei zu sein? Passen Schwule nicht in eine Hierarchie, in die Geschäftsleitung, den Verwaltungsrat? Oder gibt es eine gläserne Decke? – Wir wissen es nicht – doch wenn in zehn Jahren immer noch kein NETWORKer eine solche Position inne hat, dann muss es eine gläserne Decke geben!
Ich bin schwul – wie kann man nur so was denken !
Schwule im Profifussball und in anderern «Männer»-Sportarten, das kann es nicht geben. Schwules Weichei und hart austeilender und einsteckender Sportler, das passt nicht zusammen. Das gibt es einfach nicht! Sex mit Männern, ja warum nicht, jeder darf doch ein bisschen bisexuell sein, aber schwul – pfui! Sowieso ist das unwichtig, Beziehungsstress und so, das lenkt von der Aufgabe als Spieler ab. Wenn schwul nicht ins Weltbild passt, dann wird das verdrängt, versteckt und verleugnet. Gescheiterte Existenzen von Fussballstars nach der aktiven Zeit zeigen ein anderes Bild. Aus Pietät schweigt man darüber. Das homophobe Umfeld des Profifussballs macht es offenbar schwierig, sich über seine Gefühle klar zu werden. Aber es muss schwule Fussballer geben, «metrosexuelle» gibt es ja auch! Das Buch zum Thema: Die Geschichte des schwulen Fussballers Marcus Urban >>
Ich bin schwul – und darf es aber nicht sein !
Schwule im katholischen Priesteramt gibt es manche. Da aber für die Kriche Sex ausserhalb der Ehe eine Sünde ist, ist gelebtes Schwulsein undenkbar. Die Ehe ist bekannterweise für die Priester ebenfalls tabu. Katholischer Priester sein, heisst auf Sex verzichten. Da kann man auch nicht homosexuell sein! Es ist zu vermuten, jeder Priester hat da so seine persönliche Art, mit dem eigenen Austarieren zwischen Sünde wollen und Sünde haben, Sünde bereuen und Sünde vergeben.
Ich bin schwul – das geht aber nicht !
Jugendliche, die in einem patriarchal geprägten Umfeld aufwachsen, haben es besoners schwer, zu den eigenen homoerotischen Gefühlen zu stehen, sei dies im Kontext mit evangelikal-freikirchlicher, katholisch-rückwärtsgewandter oder muslimisch-fundamentaler Religionsverbundenheit der Eltern. In nicht besonders religiös geprägten Familien ist es das tradtionelle patriarchale Denkmuster, in dem es keine Schwule gibt. Mann nimmt diese zwar war, aber das sind Leute, die vom rechten Weg abgefallen sind – in der eigenen Familie kann es das nicht geben! Es bleibt nur der Bruch und Wegzug, oder das lebenslange Verleugnen der eigenen Persönlichkeit, die Flucht in eine für beide Partner unbefriedigende, problembeladene Ehe zwischen Mann und Frau.
Ich bin schwul – und das bin ich ?
Schwule Unternehmer mit kleinen bis grossen Firmen gibt es viele. Die haben eine Firma aufgebaut oder geerbt und führen das Unternehmen erfolgreich, wie andere auch. Die Tatsache, dass sie schwul sind ist aber nur ein Aspekt ihres Lebens. Ins Rampenlicht zu stehen und zu sagen, ich bin schwul, ist nicht notwendig und auch nicht wichtig – es wäre eher kontraproduktiv. In den Köpfen würde aus einem erfolgreichen Unternehmer ein schwuler Unternehmer, aus einem talentierten Händler ein schwuler Händler, aus einem weitsichtigen Bankier ein schwuler Bankier, aus einem effizienten Bauunternehmer ein schwuler Bauunternehmer, aus einem visionären Architekten ein schwuler Architekt. Diskretion ist besser, dies ist kein Zeichen für den Rückzug ins Verborgene, sondern der Vernunft.
