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  Letzte Aktualisierung: 18.06.13
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HIV: Die Primoinfektion als Motor der Epidemie

Seit 2003 meldet das Bundesamt für Gesundheit jährlich etwa 750 neue HIV-Diagnosen – Tendenz leicht rückläufig. Die einzige Gruppe mit steigender Anzahl an Neudiagnosen sind schwule Männer. Etwa 300 erhalten pro Jahr die Diagnose HIV positiv! Aktuelle Studien zeigen, dass schwule Männer das Virus häufig unmittelbar nach der eigenen Ansteckung (Phase der Primoinfektion) weitergeben. Seit 2003 bis heute hat sich die jährliche Anzahl von positiven HIV-Tests von schwulen Männern etwa verdoppelt. Es stekcken sich etwa gleich viele schwule Männer mit HIV an wie heterosexuelle Männer und Frauen zusammen (vgl. Grafik 1). Diese Zahlen sind alarmierend, wenn wir bedenken, wieviel weniger Schwule es im Vergleich zu Heteros gibt.

Warum stecken sich schwule Männer wieder vermehrt mit HIV an?
Viele Gründe werden diskutiert: Schwule sind präventionsmüde nach 20 Jahren Safer-Sex-Botschaften; die Schutzbereitschaft ist kleiner weil Aids den Schrecken einer tödlichen Krankheit dank medikamentöser Therapie verloren hat; Schwule haben generell mehr Sex als noch vor ein paar Jahren, was häufigeren unsafen Sex nach sich zieht; riskanter Sexkonsum wird mangels anderen Perspektiven zum Lebensinhalt gemacht.

Der Hauptgrund liegt aber in der hohen Prävalenz von HIV in der Gay Community. Die Denk-Dran-Kampagne wies darauf hin: Einer von sechs Schwulen in der Szene ist HIV-positiv. Somit ist das Risiko, sich schon bei einem einmaligen unsicheren Sexkontakt anzustecken viel grösser als für Heterosexuelle. Zusätzlich haben viele schwule Männer eigene Präventions-Strategien entwickelt, von denen sie glauben, dass sie sicher seien – tatsächlich aber höchst riskant sind: So verzichten schwule Männer auf das Kondom, welche Sex mit mehreren vertrauten Partnern haben. Aufgrund von früheren HIV-Tests gehen sie davon aus, dass ihre Sexpartner HIV-negativ seien. Steckt sich einer in einem solchen Netzwerk von bekannten Sexpartnern mit dem Virus an, kann sich dieses rasant verbreiten. Eine neue Studie zeigt, das in der Schweiz 30% der Infektionen bei schwulen Männern mit einem anonymen Partner passieren, die übrigen stecken sich beim festen Partner (25%) oder einem bekannten Sexpartner (45%) an.

Das Stadium der Infektion spielt eine wichtige Rolle für die Übertragung
Steckt sich jemand neu mit dem HI-Virus an, vermehrt sich dieses ungehindert in Blut und Sperma (bis zu mehreren Millionen Viren pro Mikroliter Blutplasma), da noch keine Antikörper vorhanden sind. Mit steigender Zahl von Antikörpern sinkt die Viruslast (viral load) nach 1 bis 2 Monaten wieder auf etwa 10'000 pro Mikroliter Blutplasma (vgl. Grafik 2). Während dieser ersten Phase besteht wegen der hohen Virenlast in Blut und Sperma ein sehr grosses Ansteckungsrisiko bei unsafen Sexpraktiken. Diese Phase wird Primoinfektion genannt. Ihre Bedeutung für die Verbreitung von HIV zeigt sich darin, dass bis zur Hälfte der Übertragungen bei schwulen Männern während der Primoinfektion passieren!

Viele wissen nicht, dass sie das Virus in sich tragen
Die im letzten Jahr in der Schweiz durchgeführte CH.A.T-Studie zeigt, dass der Zeitpunkt der Ansteckung bei einem Drittel der schwulen Männer weniger als fünf Monate vor dem Test zurückliegt. Das bedeutet: Von den Infizierten wissen viele nichts von ihrer HIV-Infektion und geben das Virus unwissend weiter, weil sie hoch ansteckend sind (Phase der Primoinfektion). Mehrere Gründe führen also dazu, dass sich so viele schwule Männer gegenwärtig mit HIV anstecken:
Es gibt viele schwule Männer, die HIV-positiv sind, aber nichts davon wissen; viele haben unsichere Präventions-Strategien mit mehreren Sexpartnern; während der Primoinfektion passieren Ansteckungen wegen der hohen Virenlast sehr leicht. All dies führt dazu, dass sich das Virus gegenwärtig sehr rasch bei schwulen Männern verbreiten kann.

Diese Übertragungskette muss unterbrochen werden
Diese fatale Übertragungskette von neuen HIV-Infektionen muss unterbrochen werden. Das kann nur funktionieren, wenn das Virus nicht mehr während der Primoinfektion weitergegeben wird. Genau dies will das Projekt erreichen, welches die Aids-Hilfe Schweiz im nächsten Jahr lanciert. Mit «Mission Possible» sollen die Ansteckungen bei schwulen Männern wieder reduziert werden. Das kann aber nur funktionieren, wenn die gesamte Gay Community mitmacht! Das heisst: sämtliche schwulen Männer müssen über die Primoinfektion informiert sein und im Februar bei der gemeinsamen Safer Sex Aktion von 3 Monaten mitmachen. Damit wird die Mission possible!

 

Grafik 1: Jährliche HIV-Neudiagnose bei Heterosexuellen (Männer und Frauen) und MSM (Männer die Sex mit Männern haben)

 

Grafik 2: Schematischer Verlauf einer Primoinfektion

 

Mission Possible

Am 12. Dezember 2007 haben am Zürcher Apéro von NETWORK Daniel Bruttin und Thomas Bucher von der Aidshilfe Schweiz das neueste Präventionsprojekt vorgestellt. Informationen über das Projekt www.drgay.ch

 

 

Begriffe

Aidskrank

In den USA spricht man von «aidskrank», wenn der Wert der CD-4 Zellen unter 200 sinkt.

In Europa spricht man von «aidskrank», wenn zusätzlich opportunistische Krankheiten ausbrechen.

 

CD-4 Zellen

Ein wichtiger Teil der Immunabwehr, die Aidsviren zerstören diese. Bei Gesunden liegt der Wert über 1000.

 

Virusmenge im Blut

Bei antiviralen Therapien wird diese teilweise nicht mehr nachweisbar. Nach neuesten Studien entwickeln sich die Viren aber auch in den Hoden, die antiretroviralen Medikamente wirken dort aber nicht. Eine Übertragung der Viren ist also immer möglich.