Homosexualität und das Judentum
Die aufgeklärte westliche Gesellschaft gewährt dem einzelnen Individuum ein grosses Mass an persönlicher Freiheit. Die «Liberte» der französischen Revolution hat sich hier durchgesetzt. Dem Denken und Handeln des Einzelnen wird volle Freiheit zugestanden, solange er damit anderen Menschen keinen Schaden zufügt.
Auch auf dem Gebiet der Sexualität wird dem Menschen in der modernen Gesellschaft beinahe unbegrenzte Freiheit gewährt. Wer mit wem und auf welche Weise geschlechtlich verkehrt, wird als reine Privatsache betrachtet. Folglich werden homosexuelle Beziehungen heute in den allermeisten westlichen Ländern voll akzeptiert, in einigen Ländern können sogar Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen werden. Die heutige Stellung der Homosexualität gegenüber, wird zu einem wichtigen Teil auch von der in der Wissenschaft stark vertretenen Meinung beeinflusst, dass Homosexualität eine angeborene, unveränderliche Neigung oder zumindest eine äusserst schwer veränderbare Veranlagung sei. Wissenschaft und Aufklärung bewirken also, dass die moderne Gesellschaft Homosexualität voll akzeptiert.
Verbot in der Thora
Die Thora hingegen verbietet homosexuellen Geschlechtsverkehr: «Mit einem Mann darfst du nicht verkehren wie mit einer Frau» (3.B.M.18:22). In diesem Punkt sind die Ansichten der Thora und der aufgeklärten Gesellschaft total entgegengesetzt und konfrontieren das moderne Judentum mit einem riesigen Dilemma. Die verschiedenen Strömungen des heutigen Judentums gehen mit diesem Dilemma sehr unterschiedlich um und widerspiegeln ganz allgemein die verschiedenartigen Reaktionen des Judentums auf die Moderne.
Noch bevor wir uns aber die verschiedenartigen Standpunkte der Homosexualität gegenüber anschauen, sei vorausgeschickt, dass wir hier erstens nur die «offiziellen» öffentlichen Ansichten der verschiedenen Strömungen untersuchen. Privatissime werden oft ganz andere, häufig viel verständnisvollere Standpunkte vertreten. Zweitens müssen wir voranstellen, dass wir hier schwarz weiss malen. Innerhalb jeder Strömung finden sich viele feine Nuancen, auf die wir hier aber nicht eingehen können.
Das ultraorthodoxe Judentum
Die Ultraorthodoxie – das charedische Judentum – hat in Bezug auf die Homosexualität eigentlich kein Dilemma. Da für diese Strömung im Judentum die Wertvorstellungen der aufgeklärten Moderne nicht von Bedeutung sind, vor allem dann nicht, wenn sie im Widerspruch zur Thora stehen; da das ultra-orthodoxe Judentum sich – auch hier – einzig auf die Thora stützt, verbietet und verurteilt es Homosexualität auf sehr klare und eindeutige, manchmal auch militante Art und Weise. Es bezeichnet sie schnell und gerne als Perversion, als «Krankheit», und erklärt sie in ihren eigenen Kreisen als inexistent.
Das Reformjudentum
Dem gegenüber steht das Reformjudentum. Diese Denomination passt ihre Weltanschauung der Zeit an und toleriert deshalb Homosexualität. Reformrabbiner führen Hochzeiten zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern durch und Männer, die sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen, werden vom Reformjudentum dennoch ordiniert.
Weder die Ultraorthodoxie noch das Reformjudentum stehen also vor einem wirklichen Dilemma zwischen Thora und Moderne. Sie entgehen ihm dadurch, dass sie sich prinzipiell für eine Seite – für die Thora, für die Moderne – entscheiden. Die moderne Orthodoxie hingegen ist voll mit dem Dilemma konfrontiert. Da sie, wie ihr Name sagt, einen Weg sucht, Thora und Moderne zu einer – oft komplexen und spannungsvollen – Harmonie zu führen, kann und will sie weder das Verbot der Thora noch die Toleranz der Aufklärung ablehnen. Sie ist bestrebt die beiden Wertsysteme in Einklang miteinander zu bringen, auch in Bezug auf die Homosexualität.
Das modern-othodoxe Judentum
In den letzten Jahren haben einige modern-orthodoxe Rabbiner – teilweise solche die sich selbst als homosexuell «geoutet» haben – versucht eine neuartige Interpretation des Verbotes der Thora vorzunehmen, um die Strenge des Verbotes etwas abzuschwächen und um dem orthodoxen Judentum zu ermöglichen, der Homosexualität und den Homosexuellen gegenüber mehr Verständnis und Toleranz aufbringen zu können. Die Versuche sind meist äusserst interessant und herausfordernd, aber es gelingt ihnen nicht immer theologisch exegetisch und halachisch voll zu überzeugen. Doch sie zeigen, dass sich die moderne Orthodoxie ehrlich bemüht, eine offene und differenzierte Diskussion über Thora und Homosexualität zu führen. Auch wenn diese Diskussion sie nahe an die Grenze ihrer Möglichkeiten führt.
David Bolllag in Tacheles, 18. April 2008
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