Das Darwinsche Paradox der Homosexualität
Prägung durch Gene und die Bedingungen im Mutterleib als mögliche Faktoren
Eine der Errungenschaften des letzten Jahrhunderts ist die Enttabuisierung der Homosexualität. Über deren Ursachen weiss man jedoch noch wenig. Aus biologischer Sicht stehen zwei Theorien im Vordergrund, die zumindest die männliche Variante ansatzweise erklären.
Für gewisse Teile der Gesellschaft ist Homosexualität noch immer ein heikles Thema. Für die Evolutionsbiologie ist sie dagegen vor allem faszinierend: Wie kann es sein, dass sich ein solches für die eigene Fortpflanzung denkbar ungünstiges Verhalten überhaupt halten kann? Denn dadurch, dass rein homosexuelle Frauen und Männer keine Nachkommen haben, befinden sie sich aus evolutionärer Sicht in einer Sackgasse: Ihre Gene werden nicht weitergegeben und ihre Linie stirbt aus.
Hinweise aus Zwillingsstudien
Genetische Studien zur Homosexualität sind noch selten. Seit den 1990er Jahren haben aber Zwillingsstudien gezeigt, dass Homosexualität zumindest teilweise genetisch bedingt ist. So ist bei eineiigen Zwillingspaaren, bei denen einer der Zwillinge homosexuell ist, der Bruder oder die Schwester in ungefähr 30 Prozent der Fälle auch homosexuell oder lesbisch, während dies bei zweieiigen Zwillingen nur in etwa 10 Prozent der Fälle vorkommt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass eineiige Zwillinge identische Gene aufweisen.
Eine solche genetische Veranlagung zur Homosexualität kann aber nur schwer mit Charles Darwins Theorie der natürlichen Selektion in Einklang gebracht werden. Diese besagt nämlich, dass nur Gene welche für das Überleben oder die Fortpflanzung ihres Trägers von Vorteil oder zumindest nicht von Nachteil sind, in einer Spezies fortbestehen. Gemäss dieser Theorie dürften somit «Schwulen oder Lesbengene» die der Reproduktion ihrer Träger offensichtlich abträglich sind, gar nicht vorkommen. Sie müssten von der natürlichen Selektion bereits eliminiert worden sein. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Darwinschen Paradox der Homosexualität.
Wie dieses Paradox zumindest für die männliche Homosexualität gelöst werden könnte, zeigte Andrea Camperio-Ciani von der Universität in Padua mit einem Psychologen Team erstmals 2004. Die Wissenschafter hatten in Italien zahlreiche homo- und heterosexuelle Männer über ihre Verwandtschaft befragt. Dabei interessierte sie vor allem, wie viele weitere Fälle von Homosexualität in der Familie der Befragten vorkommen und ob diese eher mütterlicherseits oder väterlicherseits zu finden sind. Wie sich herausstellte, wies die mütterliche Verwandtschaft von homosexuellen Männern signifikant mehr Fälle von männlicher Homosexualität auf als die väterliche und auch als die Mutterseite von Heterosexuellen. Vor allem aber zeigte sich, dass die weiblichen Vorfahren mütterlicherseits von homosexuellen Männern im Durchschnitt mehr Kinder gebaren als die weiblichen Vorfahren väterlicherseits oder jene von heterosexuellen Männern.
Positiver Einfluss auf die Fruchtbarkeit
Wenn man nun von der Existenz eines Homosexualitäts-Gens ausgeht, dann würde ein solches also unterschiedliche Funktionen einnehmen, je nachdem ob es sich in einem Frauen- oder in einem Männerkörper befindet. Bei Frauen hätte dieses Gen einen positiven Einfluss auf die Fruchtbarkeit, während es bei Männern zumindest in gewissen Fällen zur Homosexualität führte. Es bestünde also ein Interessenskonflikt, ein sogenannter «Trade off» zwischen mütterlicher Fruchtbarkeit und männlicher Homosexualität. Je fruchtbarer die Mutter, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter ihren Nachkommen auch ein homosexueller Sohn befindet. Die erwähnte evolutionäre Sackgasse in der sich rein Homosexuelle als Individuen befinden würde somit in der Familie durch diese höhere Fruchtbarkeit mütterlicherseits aufgehoben. Das wiederum bedeutet, dass die eigene Linie indirekt zumindest fortbesteht.
Zwar wurde Camperio-Cianis Studie seither von ihm und von zwei weiteren Forscherteams aus London mehrere Male bestätigt. Auch zeigte eine vor zwei Monaten veröffentlichte statistische Analyse, dass diese Theorie der weiblichen Fruchtbarkeit fast alle Befunde der dokumentierten Untersuchungen zur männlichen Homosexualität erklären kann. Darüber wie genau ein «Homosexualitäts-Gen» seine Wirkung entfalten könnte, tappt man jedoch weiter im Dunkeln. Einzig zu seiner Lokalisation gibt es Hinweise. Weil ein solches Gen immer über die Linie der Mutter vererbt wird, könnte es sich auf dem mütterlicherseits vererbten X Chromosom befinden.
Da aber eine der wenigen grösser angelegten Arbeiten zum Genom Homosexueller 2005 zum Schluss kam, dass es bei homosexuellen Männern und ihren Müttern nicht nur einen typischen Abschnitt auf dem X-Chromosom gibt, sondern auch auf anderen Chromosomen, bleibt sogar die Lokalisation eines solchen Gens weiterhin unklar.
Die Reihenfolge der Geburten
Die andere heute gängige Erklärung für die männliche Homosexualität liefert der Kanadier Ray Blanchard vom psychiatrischen Institut der Universität Toronto. Laut seiner Theorie hängt Schwulsein mit der Reihenfolge bei der Geburt zusammen. So konnte er anhand mehrerer Studien, die bis in die 1980er Jahre zurückgehen, aufzeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Mann homosexuell zu sein, zunimmt, je grösser die Anzahl älterer Brüder ist. Sie ist bis zu 30 Prozent grösser bei zweitgeborenen und bis zu 40 Prozent grösser bei drittgeborenen Söhnen. Blanchard erklärt dies mit einer Immunreaktion der Mutter. Da jeder Fötus zur Hälfte aus väterlichen Genen besteht, ist er im Grunde genommen zur Hälfte ein Fremdkörper im Mutterleib; diese Fremdheit ist bei einem männlichen Fötus noch ausgeprägter. Laut Blanchard löst demnach jeder männliche Fötus durch Substanzen deren Baupläne durch Gene auf dem Y-Chromosom bestimmt sind eine Abwehrreaktion im Mutterleib aus. Dies wiederum beeinflusse die Entwicklung des Fötus vor allem die Entwicklung von dessen heranwachsendem Hirn. Wie bei einer Impfung würde eine solche Immunreaktion beim ersten Sohn noch bescheiden ausfallen, sich aber bei jedem weiteren männlichen Nachkommen verstärken.
Molekulare Kandidaten für solche durch das Y-Chromosom definierte Substanzen gibt es einige, allen voran könnten geschlechtsspezifische Hormone oder Moleküle an der Zelloberfläche eine Rolle spielen. Blanchard selber verweist auf eine Arbeit von 1987, in welcher indische Forscher demonstrierten, dass mit männlichen Milzzellen immunisierte Mäuseweibchen männliche Nachkommen zeugten, welche sexuell wenig aktiv waren. Weil ein Mangel an sexueller Aktivität aber nicht ausreicht, um eine Maus «homosexuell» zu nennen und weil diese Arbeit nie wiederholt und bisher auch keine entsprechende Substanz gefunden wurde, bleibt die Existenz eines solchen Moleküls allerdings fraglich.
Wenig zur weiblichen Homosexualität
Im Prinzip könnten beide Theorien auch für die weibliche Homosexualität zutreffen, jedoch fehlen dafür die Anhaltspunkte. So konnten familiäre Studien bei homosexuellen Frauen weder mütterlicherseits noch väterlicherseits eine erhöhte Fruchtbarkeit in deren Verwandtschaft nachweisen. Auch die Reihenfolge bei der Geburt scheint keine Rolle zu spielen. Die Fachliteratur weist hier grosse Lücken auf, was angesichts der ähnlich häufig auftretenden weiblichen Homosexualität erstaunt.
Was die männliche Homosexualität betrifft, schliessen sich Blanchards Theorie der brüderlichen Geburtenfolge und Camperio-Cianis Theorie der weiblichen Fruchtbarkeit übrigens keineswegs gegenseitig aus, zumal Mütter, welche mehrere Söhne gebären, auch als fruchtbar gelten können. Ebenso wenig widersprechen die beiden Theorien einem möglichen Einfluss der Kindheit und Adoleszenz auf die sexuelle Orientierung. Wahrscheinlich ist vielmehr, dass sowohl genetische und pränatale als auch postnatale Faktoren eine Rolle spielen und dass vorhandene Veranlagungen zur Homosexualität durch spätere Erfahrungen unterschiedlich stark akzentuiert werden. Interessanterweise käme dies Sigmund Freuds Postulat nahe, wonach alle Menschen von Geburt an bisexuell sind.
Johannes Gräff, Neue Zürcher Zeitung, 27. August 2008 NZZ>>
Kommentar
Dies ist die erste plausible und umfassende Erklärung, warum es homosexuelle Menschen, insbesondere Männer gibt. Ob die Evolution nun rein zufällig, oder durch Gottes Vorsehung, dies in ihren Plan so eingebaut hat, spielt dabei keine Rolle. Es muss in jedem Fall von Vorteil sein, wenn es in einer Gesellschaft homosexuelle Menschen gibt. Und von ganz grossem Vorteil ist es, wenn diese sich frei entfalten können. Die grossen, goldenen Zeitalter in der Menschheitsgeschichte waren immer geprägt von einer hohen Akzeptanz und gesellschaftlichen Integration dieser Menschen.
Dazu ist anzumerken: Der Niedergang von goldenen Zeitaltern hatte immer wirtschaftliche Ursachen. Wirtschaftliche Vorgänge sind noch viel komplexer und weniger durchschaubar als die Genetik und die meisten ökonomischen Tatsachen der Vergangenheit sind im Staub der Geschichte verloren. Den Niedergang von goldenen Zeitaltern dem «dekadenten» Verhalten (gemeint ist damit meist sexuelle Freizügigkeit) anzulasten, ist eine all zu bequeme Sichtweise. Sie entspringt dem patriarchalen Wunsch nach Kontrolle des eigenen Herrschaftsbereichs, insbesondere über die Weitergabe der eigenen, männlichen Gene. Dies ganz im Widerspruch zur weiblichen Fruchtbarkeit, welche Homosexualität begünstigt. Homophobie ist Ausdruck des Machismo und eines patriarchalen Weltbildes und lässt nur tradierte Verhaltensweisen zu, welche die notwendigen Veränderungen der Gesellschaft blockieren und behindern!
Thomas Voelkin
