Homosexualtiät im biblischen Kontext
Eine Stellungnahme des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes
Hermeneutische Überlegungen
Auszug aus der ethischen Orientierung zum «Bundesgesetz über die eingetragne Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare»
Die biblischen Aussagen zu Homosexualität sind auf den ersten Blick eindeutig negativ. Wie in anderen Zusammenhängen selbstverständlich, muss auch hier der Kontext der zitierten Passagen berücksichtigt werden. Die alttestamentlichen Stellen aus dem «Heiligkeitsgesetz» bemühen sich um eine scharfe Abgrenzung gegenüber den kanaanäischen Fremdkulturen. Die Texte zielen weniger auf ein bestimmtes sexuelles Verhalten an sich. Vielmehr steht eine bestimmte menschliche Praxis für eine spezifische Kultur, von der es sich abzugrenzen gilt.
Bedeutsamer für die aktuelle Diskussion sind die neutestamentlichen Stellen, vor allem die viel zitierte Römerbriefpassage. Tatsächlich ist das Urteil des Paulus über Homosexualität vernichtend und entspricht seinem Bild von Sexualität und Ehe im Allgemeinen. Paulus formuliert: «und ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit Frauen auf und entbrannten in Leidenschaft zueinander.» Bemerkenswert an diesem Zitat ist zweierlei: «Erstens unterstellt Paulus, dass Menschen freiwillig ihre eigentlich heterosexuelle Veranlagung aufgeben. Homosexualität erscheint deshalb als schlechte Wahl zwischen zwei wählbaren Alternativen.
Das zweite Problem hängt an dem Ausdruck «natürlich». Worauf bezieht sich das paulinische Verständnis von «natürlich»/«Natur»? Im ersten Brief an die Korinther schreibt er: «Lehrt euch nicht auch die Natur selbst, dass es zwar für den Mann eine Schande ist, wenn er langes Haar trägt, für die Frau aber eine Ehre, wenn sie langes Haar trägt?» Offenbar versteht Paulus unter «Natur» einen Zusammenhang, der heute als «Konvention», «Tradition» oder «gesellschaftliche Übereinkunft» bezeichnet wird. Die Haarlänge ist keine Frage der Natur, sondern der Mode oder Tradition. Fragen der Tradition oder Übereinkunft haben eine ordnende und orientierende Funktion vor dem Hintergrund konkreter geschichtlicher Situationen. Sie unterliegen somit einem permanenten historischen Wandel, den es auch bei dem Verweis auf biblische Texte zu berücksichtigen gilt.
An dieser Stelle zeigt sich ein Konflikt, der für die kirchlich-theologischen Homosexualitäts-Debatten bezeichnend ist. Helmut Thielickes Abschnitt «Zum Problem der Homosexualität» im dritten Band seiner Theologischen Ethik von 1964 bedeutet einen Paradigmenwechsel in der evangelischen Ethik im Hinblick auf die Beurteilung von Homosexualität. Bis heute zieht sich seine Position mehr oder weniger sichtbar durch alle kirchlichen Verlautbarungen zum Thema. Thielicke bezieht als erster prominenter Vertreter seines Fachs humanwissenschaftliche Erkenntnisse mit ein und formuliert anschliessend die zentrale Herausforderung für eine theologische Ethik: Wie ist das Verhältnis von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und biblischen Traditionen zu bestimmen? Stehen beide Erkenntnisse auf der gleichen Stufe? Oder gibt es eine Rangfolge zwischen ihnen?
Das Dilemma lässt sich im Kern in drei Richtungen (genauer: mit drei Gewichtungen) auflösen:
- Den biblischen Texten gebührt in jedem Fall der Vorrang. Dann ist Homophilie strikt zu verwerfen.
- Humanwissenschaftliche und biblische Positionen werden vermittelt: Die Anlage der Homosexualität (die «homosexuelle Praxis als solche») wird schöpfungstheologisch verworfen; die Aktualisierung in der homosexuellen Praxis (ihre «ethisch verantwortliche Gestaltung») wird quasi aus umgekehrter Perspektive christologisch und soteriologisch und in Übereinstimmung mit den Humanwissenschaften als Lebensform anerkannt.
- Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über den Menschen haben Vorrang vor diesbezüglichen biblischen Aussagen. Humanwissenschaftliche Forschungsergebnisse sind danach bereits bei der Exegese der entsprechenden Bibeltexte zu berücksichtigen. «Da die Bibel anlagebedingte Homosexualität, partnerschaftliche homosexuelle Praxis und homosexuelle Liebe nicht wahrnimmt, kann sie nicht direkt und unmittelbar zu deren Beurteilung herangezogen werden.»
Unabhängig davon, welche der beiden letztgenannten Positionen vorgezogen wird, kommt kein theologisch-ethisches Urteil darum herum, sich der immer wieder neuen Herausforderung zu stellen, zwischen dem historisch Kontingenten und dem bleibend Wichtigen zu unterscheiden. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich bei dem zweifellos ehekritischen und leibfeindlichen Paulus neben vielen persönlich geprägten Einschätzungen eine einzige durchgehende Antwort ab: Alles, was Menschen tun, soll «In der Liebe geschehen». (Im ersten Brief an die Korinther).
Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, alles menschliche Tun ohne die Liebe wäre «nutzlos». Das gilt für das Leben in der Familie, Gemeinde und Gesellschaft ebenso, wie für Partnerschaften mit all ihren Facetten und Möglichkeiten. Dass dieser Zu und Anspruch allen Menschen in gleicher Weise gilt, führt Paulus im Brief an die Galater aus. Allerdings war der Apostel selbst nicht in der Lage, seine zentrale Antwort von der Liebe Gottes auch auf die Sexualität zu beziehen. Sachkritisch muss an dieser Stelle mit Paulus gegen Paulus gelesen werden, nicht zuletzt um einer Verselbständigung der Sexualität gegenüber der Frage nach dem Willen Gottes zu entgehen.
Auch wer dieser Interpretation nicht folgen will, kommt doch um vier Beobachtungen nicht herum:
- Insgesamt gesehen ist in der Bibel von Homosexualität nur selten die Rede;
- die alttestamentlichen Belege stehen vor allem im Kontext der Abwehr fremder kultischer Praktiken;
- Homosexualität ist im Neuen Testament ein Randthema, das weder in der synoptischen, noch in der johanneischen Tradition vorkommt;
- neutestamentliche Belege zur Homosexualität haben immer Gemeinden als Adressaten und es geht an keiner Stelle darum, die christlich-gemeindliche Sexualmoral öffentlich durchzusetzen und zu einem staatlichen Gesetz zu machen.
Broschüre (PDF, überarbeitete Version 2008) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: Gleichgeschlechtliche Paare >>
Weitere Artikel zur Homosexualität finden sich im Bulletin 2005/1
Homepage des des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes >>
Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (Deutschland), HuK
Verein schwule Seelsorger Schweiz, Adamim
Christliche Organisation von Lesben, CooL