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Die redaktionellen Wechselbäder der Weltwoche

Die Weltwoche, gegründet 1933 von Kurt von Schumacher (1894–1957) und Manuel Gasser (1909–1979) als liberale Stimme der (deutschsprachigen) Schweiz und als Kontrapunkt zu zeitgeistigen «braunen» Importen aus dem nördlichen Nachbarland, hat viele Hochs und Tiefs erlebt. In den 30er Jahren und während des Krieges war die Zeitung ein Teil der geistigen Landesverteidigung und ein Sprachrohr emigrierter deutscher Publizisten. Die Weltwoche war eine hochangesehene Stimme der Freiheit und der liberalen Werte. Der Kulturteil der Zeitung, betreut von Manuel Gasser, war besonders lesenswert und ist es heute noch.

Ende der Fünfzigerjahre wurde die Zeitung an den Jean Frey-Verlag verkauft. Engagierte politische Stellungnahmen und eigene Recherchen traten nun in den Hintergrund. Geld machte man mit den Inseraten. Mit neutralen Zusammenfassungen über weltweite politische Ereignisse erweiterte man den Leserkreis und konnte so die Insertionspreise anheben. Das war in den Sechzigerjahren erfolgreich. Dieses Informationsbedürfnis übernahm in den Siebzigerjahren mit seiner allgemeinen Verbreitung das Fernsehen mit Sendungen wie «Rundschau» oder «Menschen, Technik, Wissenschaft». Die Leserschaft schwand. Da besann man sich auf den Recherchierjournalismus und politische Stellungnahmen. Niklaus Meienberg beispielsweise mit seinen Nachforschungen über die Familie Wille-Schwarzenbach unter dem Titel «Wille und Wahn» oder über die Ämterkumulierung des Appenzeller Politikers Raymond Broger, Landammann, Ständerat und vieles mehr. Diese Artikel eines typischen 68ers führten zu heftigen Kontroversen und zur Frage, ob solcher Journalismus schweizerisch und rechtens sei. Er wurde als «Nestbeschmutzer» verschrieen, dem üblichen hilflosen Argumentationsschema des konservativ-bürgerlichen Lagers auf Provokation damals. (Mit seinen Provokationen kehrte Christoph Blocher ab 1985 den Spiess um – äusserst erfolgreich.)

Besonders linkisch waren in dieser Zeit die «redaktionell unabhängigen» Weltwoche-Journalisten mit Berichten über die sandinistische Frauen- und Kulturpolitik und ähnlich gelagerten Weltproblemen fernab vom schweizerischen Alltag. Wohlverstanden immer mit dem Zeigefinger an die braven Leser/Leserinnen, irgendwie mitschuldig zu sein an der geschilderten Misere. Die Leser dankten mit dem Nichtkauf der Zeitung oder dem Nicht-Erneuern des Abos. Die Weltwoche wurde zum Sammelbecken von Journalisten, welche sich beklagten, die «Füdlibürgerschweizer» seien nicht reif für den zeitgemässen (linkischen – linken?) Journalismus. Sie meinten damit wohl die deutschen Zeitschriften «Spiegel» oder «Pardon». Wer das mochte, las die Originale und nicht den zahmen schweizerischen Abklatsch!

Mit grossem journalistischem Eifer versuchte die Weltwoche politische Skandale herbeizureden, in dem sie alte Fälle neu recherchiert auftischte. Beispiele dazu sind 1979 die «Panzer 68»-Affäre sowie 1988/1989 eine Artikelserie über den Mord in Kehrsatz oder die Enttarnung des Holocaust-Schwindlers Binjamin Wilkomirski 1998. Das war aber Aufgewärmtes und ein eher laues Bemühen um Aufmerksamkeit.

1986 wurde der Jean Frey-Verlag vom Finanzier Werner K. Rey im Namen seiner Omni-Holding übernommen. Der war am schnellen, grossen Geld interessiert, nicht an redaktionellen Richtlinien und qualitätsvollem Journalismus. 1991 ging die Omni-Holding Konkurs. Die Aktionäre verloren ihre Investition. Lachende Dritte waren die Bankiers, welche die Aktien während Jahren puschten und empfahlen. Sie waren es auch, welche der Omni-Holding und ihrem «Finanzgenie», der nichts von Wirtschaft und Buchhaltung verstand, marode Firmen andrehten. Aus der Konkursmasse ging der Verlag an den Investor und Verleger Beat Curti, dessen Familie der «Beobachter» gehörte. Dieser liess der Redaktion grosse Freiheit. Der Kulturteil hatte nach wie vor eine hohe Qualität, politisch war die Zeitung eher profillos.

Beat Curti beteiligte später am Verlag die Basler Zeitung, welche 1996 die Mehrheit übernahm. 2001 wollten die Basler den Verlag verkaufen. Ringier zeigte grosses Interesse. Daraufhin rauschte ein gewaltiges Geschrei durch den Blätterwald wegen «unzulässiger» Konzentration der Schweizer Presse. Schliesslich ging der Verlag an eine Investorengruppe um Titto Tettamanti und Christoph Blocher. Chef des Verlags wurde Filippo Leutenegger. Dieser engagierte den jungen Roger Köppel als Chefredaktor der Weltwoche. Aus der Wochenzeitung machten die beiden ein modernes Wochenmagazin – ein pointiert bürgerliches, liberales – erfrischend und klug – ein wohltuender Kontrapunkt zur schweizerischen, biederen und linkischen Presselandschaft, oder gemäss Köppel dem «linksliberalen Publizistik-Mainstream». Man hatte wieder ein unverwechselbares Profil gefunden, ganz in der Tradition der beiden Gründer der Weltwoche. Das hatte Erfolg. Die Auflage stieg rasant, die Weltwoche machte nach Jahren des Dahinserbelns wieder Gewinn. Das fiel auch den Verlegern der deutschen «Welt» auf, welche Köppel nach zwei Jahren zum Chefredaktor beriefen. Eine der Traumpositionen im deutschsprachigen Journalismus.

2006 wurde überraschend bekannt gegeben, Roger Köppel kehre als Chefredaktor zurück und «übernehme» 40 Prozent der Aktien. Ende 2006 übernahm der deutsche Axel Springer Verlag den Jean Frey-Verlag. Die Weltwoche wurde allerdings herausgelöst, Chefredaktor Roger Köppel wurde «Alleinbesitzer». Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart. Für den notwendigen Kredit, den Köppel brauchte, gab wohl Blocher eine Bürgschaft. Oder es gab eine andere Finanzierung mit derselben Konsequenz: Derjenige hat das Sagen, der das Geld zur Verfügung stellte. In solchen Konstruktionen ist Blocher unbestreitbar der grosse Meister. Die Weltwoche wurde zum Sprachrohr des schweizerischen Volkstribuns. «Skandal» schrie die Weltwoche ständig, als es um die Abwahl von Blocher aus dem Bundesrat ging. «Skandal» schrie man, als die BDP gegründet wurde. «Skandal» schrie man, als Parlamentarier erklärten, Ueli Maurer würden sie nicht wählen. Und «Skandal» schrie man bei den Justiz-Irrungen um den Fall Ernst Holenweger, den Fall Thomas Matter und dessen Swissfirst (welche den ganzen Deal um den Jean Frey-Verlag durchführte und die Übertragung der Weltwoche an Köppel), sowie auch beim Fall der Familie Tinner. Dies wohl, um von der Rolle Blochers in diesen Fällen abzulenken. (Zufällige, passive oder aktive Beteiligung oder gar Mitschuld?)

Roger Köppel agiert heute bei Diskussionen im Fernsehen wie einer, der die Schweizer Politiker und ihre Ränkespiele abgehoben und staatsmännisch überblickt. Doch beim Thema Blocher fühlt er sich sofort bemüssigt, den Mentor ins richtige, rechte Licht zu stellen. Mentale Prostitution nennt man das, oder salopp ausgedrückt Strichergehabe. Dabei sind inzwischen die Beiträge zur Schweiz in «seiner» Weltwoche verkommen zu einem Zerrbild der Wunden leckenden SVP. Das ist eigentlich ganz amüsant.

Nun versucht man es auch im Nachbeten der amerikanischen Bibeltreuen und selbsternannten «Auserwählten Gottes», man hackt in gleicher (un)christlicher Weise auf allem herum, was gay ist. Das ist enttäuschend, peinlich und intellektuell belanglos – es ist aber auch beängstigend. Und es ist bestimmt nicht im Sinne der beiden Gründer der Weltwoche, auf deren Tradition sich die heutige Redaktion so stolz beruft. Manuel Gasser, der spätere Chefredaktor von «Du», war Abonnent des «Kreis» – und dies nicht nur aus rein journalistischem Interesse. Von Karl von Schumacher darf angenommen werden, dass seine Interessen ähnlich lagen.

Dazu noch folgendes: In der Ausstellung im Zürcher Strauhof Anfang 2010 zum achtzigsten Geburtstag des Zürcher Schriftstellers Hugo Loetscsher (22.12.1929 – 18.8.2009), ist unter anderem eine Nummer der Weltwoche mit einem Loetscher-Interview ausgestellt. Dort sagt Hugo Loetscher: «Da waren die beiden schwulen Buben Karl von Schumacher und Manuel Gasser. Die benahmen sich nicht immer comme il faut.»

Thomas Voelkin

 

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