Die Option Adoption muss kommen
Klares Ergebnis der Mitgliederumfrage –
das Adoptionsverbot soll aufgehoben werden
Die Abschaffung des im Partnerschaftsgesetz festgeschriebenen Adoptionsverbots für eingetragene Partnerinnen und Partner scheint für einen Interessenverband wie Network zunächst eine zwingende Forderung zu sein. Wie könnten wir für die Beibehaltung einer Diskriminierung eintreten?
Bei näheren Zusehen zeigen sich jedoch mehrere Aspekte, die zu einer differenzierten Beurteilung von Form, Inhalt und Timing einer solchen Forderung führen:
- Die persönliche Betroffenheit ist individuell sehr unterschiedlich. Zwischen – beispielsweise – einer Lesbe mit Kinderwunsch und einem Szeneschwulen stehen Welten. Frauen oder Männer mit Kindern aus heterosexuellen Beziehungen sind zusammen mit ihrem Partner/in wieder in einer anderen Situation, die sich zudem zwischen Männer- und Frauenpaaren stark unterscheidet.
- Für eingetragene Partner ist neben der Adoption auch der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin verboten. Im Gegensatz zur Adoption ist diese grundsätzlich umstritten und muss damit die Diskussion um die Abschaffung der Diskriminierungen belasten.
- In wertkonservativen Weltbildern sind Begriffe wie Familie, Ehe und damit auch Adoption und Fortpflanzungsmedizin zentrale, ideologisch und emotional stark besetzte Begriffe. Die Rücksichtnahme auf diese Empfindlichkeiten ist der wichtigste historische Grund für die bestehenden Diskriminierungen. Mit der Diskussion dieser Themen betritt man die bisher umgangenen religiösen, ethischen und ideologischen Minenfelder.
- Die Beurteilung aus der Sicht von Sollvorstellungen (z.B. der bürgerlichen Musterfamilie) fällt anders aus als die aus einer realitätsnäheren Sicht (hoher Anteil an Patchworkfamilien und Alleinerziehenden).
- Bei der Betrachtung der Adoption kann man die Rechte der Erwachsenen auf diskriminierungsfreie Selbstentfaltung oder das Recht des Kindes und den Schutz seiner Interessen in den Mittelpunkt stellen. Das kann, muss aber nicht in jedem Fall zum gleichen Ergebnis führen.
- Aktivisten der Kampagne für das Partnerschaftsgesetz fühlen sich im Wort, dass der dort getroffene Kompromiss für eine angemessene Frist nicht in Frage gestellt wird. Aktivisten der nächsten Generation sind an solche Rücksichten nicht gebunden.
Daraus ergibt sich, dass sehr unterschiedliche Positionen eingenommen werden können – und unterschiedliche Motivationen führen oft zur gleichen Position. Im Vorfeld der EuroPride 09 hatte sich ein Komitee «Gleiche Chancen für alle Familien» formiert, welches eine Petition lanciert und die etablierten Organisationen der Gay-Community um Unterstützung angegangen hat. Die POKO fühlte sich vor dem geschilderten Hintergrund nicht legitimiert, ohne klaren Rückhalt im Verein in dieser Frage aktiv zu werden. Network hat deswegen bis jetzt bei der Unterstützung der Petition ein niedriges Profil gewahrt, ist dafür aber vereinsintern aktiv geworden mit einer Umfrage.
Ergebnisse der Umfrage unter den Networkern
Von 330 angefragten Mitgliedern haben sich beachtliche 142 oder 43% zur Umfrage geäussert. 81% der Antwortenden befürworten die Abschaffung des Adoptionsverbots, 18% lehnen sie ab.
Bei den Ablehnenden gibt es nur eine verschwindend kleine Zahl von Befürwortern des Adoptionsverbots. Zwei Drittel stellen den Zeitpunkt der Forderung, die Hälfte – es waren Mehrfachnennungen möglich – ihre Priorität in Frage. Von den Ablehnenden haben sich mehr als die Hälfte auch über ihre individuellen Gründe geäussert. Einige Originalstimmen:
- Ein schwuler Vater reicht, zwei wären eindeutig zuviel (Zitat eines Sohnes)
- Reaktion der kirchlichen / rechtslastigen Kreise wird provoziert
- Das Erreichte schützen und den Goodwill nicht verspielen
- Es wäre Wortbruch (Politiker, der sich für das Partnerschaftsgesetz eingesetzt hat)
- Da das Partnerschaftsgesetz in diesem Punkt vermutlich gegen die Verfassung und die Menschenrechtskonvention verstösst, erst den Rechtsweg ausschreiten.
- Fortpflanzungsmedizin weiterhin verbieten, «es sind nun einmal biologische Gründe, dass der Kinderwunsch nicht auf natürliche Weise erfüllt werden kann».
Die grosse eine Abschaffung unterstützende Mehrheit ist nicht überraschend von der Überzeugung geleitet, dass das Adoptionsverbot eine Diskriminierung ist, die grundsätzlich abzulehnen ist. Entsprechend macht die grosse Mehrheit auch keinen Unterschied zwischen der Adoption nicht biologischer Kinder und der Stiefkindadoption. Dazu und zu einigen anderen Aspekten gibt es aber Einzelmeinungen:
- Nur Stiefkindadoption und nur unter bestimmten Bedingungen
- Nach Schaffung geeigneter Hürden, damit nicht adoptiert wird, weil es très chic ist
- Wie kann man die Akzeptanz eines Kindes, welches von eingetragenen Paaren aufgezogen wird, bei den anderen Kindern in Kindergarten und Schule sicherstellen?
- Alle Untersuchungen zur Entwicklung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften haben keine signifikanten Unterschiede zu heterosexuellen Familien gezeigt. Könnte man Untersuchungen in der Schweiz unterstützen?
- Familien- und Erziehungsplanung sind bei adoptionswilligen Paaren Realität. Es ist absurd, wenn der Staat, der an funktionierenden Kinderstuben interessiert ist, das per Gesetz verbietet.
- Jeder Mensch sollte frei sein, seine Erbfolge zu regeln. Als Schwuler bleibt mir nur die Adoption.
Der Fragebogen schloss mit einer Frage zum Engagement von Network für eine Aufhebung des Adoptionsverbots, zu beantworten unter der Annahme, dass – wie jetzt bestätigt – eine Mehrheit der Mitglieder für die Abschaffung des Verbotes ist.
Eine Zweidrittelsmehrheit (68%) spricht sich zugunsten eines sowohl sichtbaren und auch finanziellen Engagements aus. Ein Drittel (32%) befürwortet ein sichtbares, aber kein finanzielles Engagement.
Aktive Unterstützung der Bemühungen für eine Abschaffung der Diskriminierungen
Vorstand und Poko sind nach den Ergebnissen der Umfrage sicher legitimiert, die Anstrengungen des mittlerweile aus dem Komitee entstandenen Vereins «Gleiche Chancen für alle Familien» und die anderer Organisationen sichtbar mitzutragen.
Interview mit Wuddri Rim und Selina Meier, Vorstandsmitglieder des Vereins familienchancen.ch