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Neuausrichtung der Aids-Hilfe Schweiz

Umfassende sexuelle Gesundheits-Prävention und wieder engere Zusammenarbeit mit der Gay-Community

 

Geschichte

Die Aids-Hilfe Schweiz (AHS) wurde am 2. Juni 1985 durch drei Mitglieder der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) gegründet. 2010 konnte die AHS auf 25 Jahre Tätigkeit zurückblicken. Seit Beginn engagierte sie sich mit ihren kantonalen und regionalen Antennen für Menschen mit HIV und Aids, sowie bei der HIV-Prävention. Bereits 1986 wurde eine erste Informationsbroschüre zum Thema HIV und Aids an alle Schweizer Haushaltungen verteilt. Als Zeichen der Solidarität für Menschen mit HIV steht seit damals die rote Schleife. Mit den Kampagnen «Stop Aids», «Safer Sex» und «Love Life», sowie mit dem Einstehen für Solidarität und gegen Diskriminierung bei Menschen mit HIV, wurde die AHS in der ganzen Schweiz bekannt. Darüber hinaus hat die AHS durch die Thematisierung von HIV und Sexualität einen wichtigen Beitrag zur sexuellen Öffnung der Gesellschaft und zur Anerkennung der Rechte von sexuellen Minderheiten geleistet. Die AHS ist Partnerin des Bundesamtes für Gesundheit im Bereich HIV und Aids. Ihre Kompetenz und Professionalität geniesst Anerkennung und Unterstützung. Dank ihrer Präventionsarbeit darf der Kenntnisstand der schweizerischen Bevölkerung zu HIV und Aids als gut bezeichnet werden. Auch wenn in der Zukunft noch vieles zu tun bleibt.

 

Fortschritte in der Medizin

Die Immunschwächekrankheit Aids wurde 1981 zum ersten Mal in einer wissenschaftlichen Zeitschrift beschrieben. 1983 entdeckten Luc Montagnier und Roberto Gallo gleichzeitig das Aids-Virus. Ab 1984 war ein erster Antikörpertest verfügbar, 1986 mit AZT das erste Aids-Medikament. Eine wirksame Therapie war jedoch erst ab 1996 mit einer Kombination aus drei antiretroviralen Wirkstoffen möglich. Zwar wird das Virus damit nicht eliminiert, doch die dauernde Therapie senkt die Viruslast im Blut, sodass sich das Immunsystem erholen kann. Dies ermöglicht den Betroffenen – ähnlich wie bei anderen chronischen Krankheiten – ein einigermassen beschwerdefreies Leben. 2008 stellte die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen (EKAF) fest, dass in dieser Weise therapierte Menschen mit nicht nachweisbarer Viruslast nicht mehr infektiös sind. Die HIV-Therapie und die damit verbundene Adherence (strikte Einhaltung des Medikamentenplans) und regelmässige ärztliche Konsultationen leisten somit einen Beitrag zur HIV-Prävention. Denn «Treatment is prevention», wie das auf der Aids-Konferenz 2010 in Wien mehrmals betont wurde.

 

HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten

Auf den 1.1.2011 trat ein neues «Nationales Programm HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten» (NPHS 11-17) des Bundes in Kraft. Bei den anderen Krankheiten, die hiermit eingeschlossen werden, handelt es sich primär um Chlamydia, Gonorrhoe (Tripper), Syphilis, akute Hepatitis B und akute Hepatitis C.

Gemäss ihrer neuen Strategie leistet die Aids-Hilfe Schweiz in Zukunft ihre Präventionsarbeit für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (Sexually Transmitted Infections, STI). Das heisst aber nicht, dass der HIV-Arbeit weniger Bedeutung zukommt. Eine nicht behandelte HIV-Infektion ist nach wie vor lebensbedrohend und ein Impfstoff ist immer noch nicht in Sicht. Die anderen sexuell übertragbaren Infektionen können hingegen behandelt werden und haben bei rechtzeitiger Diagnose auch keine nachhaltigen Folgen für die Gesundheit.

Die medizinischen Fortschritte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit einer HIV-Infektion zahlreiche Schwierigkeiten im Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen einhergehen. HIV/Aids ist eine chronische Krankheit, doch mit ihr sind immer noch Stigmatisierungen und Diskriminierungen verschiedenster Art verbunden. Die Meinung, «HIV bekommt man nicht, man holt es sich» ist weit verbreitet. So erfahren viele Menschen mit HIV Ausgrenzung am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld, Ausschluss von Versicherungsleistungen, Einschränkungen in der Mobilität durch repressive Einreisebeschränkungen, die für HIV-Positive in einigen Ländern gelten. Viele ziehen es daher vor, ihre Infektion für sich zu behalten, selbst im engsten Kreis der Familie.

 

Situation HIV und Aids weltweit

Weltweit ist, wie dies an der 18. Internationalen Aids Konferenz 2010 in Wien berichtet wurde, die Epidemie noch lange nicht besiegt; es geht jedoch in kleinen Schritten vorwärts – die Zahlen der Neuinfektionen sind rückläufig. 5 Millionen Menschen mit HIV haben weltweit Zugang zu Therapie, weitere 10 Millionen warten noch darauf. Einige Länder, voran Südafrika, übernehmen nun eine Führungsrolle und bieten systematisch HIV-Tests und -Therapien an.

 

Situation von HIV und Aids in der Schweiz

Prävention und Therapie haben dazu geführt, dass in der Schweiz sich die Neuinfektionen von über 3000 im Jahr 1986 auf unter 600 im Jahr 2010 verringerten. Die Anzahl Todesfälle durch Aids ging von fast 700 im Jahr 1994 auf etwa 20 im Jahr 2010 zurück. Gemäss BAG leben in der Schweiz heute 20 000 bis 30 000 Menschen mit HIV, wovon 27% Frauen sind. Betrachtet man die Übertragungswege, so ist bei heterosexuellen Kontakten ab 2004 und beim intravenösen Drogenkonsum ab 1997 ein Rückgang der Neuansteckungen festzustellen.

 

Die Situation ist bei den schwulen Männern nach wie vor alarmierend!

In der Gruppe der Männer die Sex mit Männern haben (Men who have Sex with Men, MSM) nehmen die Neuinfektionen zu – vor allem in den grossen städtischen Zentren – und haben immer noch das Ausmass einer Epidemie. Konkret heisst das, etwa die Hälfte der Neuinfektionen in der Schweiz treten bei den MSM auf. Geht man davon aus, zu dieser Gruppe gehören 5–10% der männlichen Bevölkerung, ergibt sich eine 20 bis 50 mal höhere Ansteckungsrate als in der übrigen Bevölkerung. Heute ist in der Schweiz einer von sechs schwulen Männern, die in der Gay-Szene verkehren, HIV-positiv. Viele von ihnen wissen es nicht einmal. Ähnlich dramatisch ist die Lage in allen industrialisierten Ländern, also in Europa, Nordamerika und Australien sowie in Zentral- und Südamerika, wie auch gewissen Ländern Asiens; in den übrigen Ländern ist die Datenlage ungenügend. Auch bei den anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist die Zahl der Neuinfektionen steigend.

Für diese alarmierende Situation sind hier, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige der möglichen Ursachen aufgelistet:

HIV und Aids haben an Aktualität und Bedrohlichkeit verloren. Die ältere Generation hat noch erlebt, wie viele ihrer Freunde und Bekannten an der Krankheit gestorben sind; die jüngere Generation kennt dies nicht mehr. Im Gegenteil kennen junge schwule Männer heute viele HIV-positive Personen, die vermeintlich keine Probleme mit ihrer Seropositivität haben. Viele glauben, Aids sei heilbar, eine ständige HIV-Therapie sei eine einfache Sache oder bald sei ein Impfstoff verfügbar. Sie wissen nicht, dass der langfristige Erfolg der Therapie ungewiss ist. Ebenso wird ausgeblendet, wie viel Selbstdisziplin eine HIV-Therapie erfordert, welche Nebenwirkungen sie haben kann, was sie kostet und was für ständige medizinische Kontrollen nötig sind.

Dazu gibt es sicher auch eine Präventionsmüdigkeit: Man hat das mit dem Safer Sex nun so oft gehört und will es jetzt nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Oder es wird vermehrt auf Risikoreduktionsstrategien gesetzt, wie Dipping (Analverkehr ohne Ejakulation), Serosorting («positiv sucht positiv – negativ sucht negativ»), Strategic positioning («als Aktiver bin ich weniger gefährdet, daher bin ich beim Analverkehr nur aktiv»). Ebenfalls einen Einfluss kann die Annahme haben, die meisten HIV-positiven schwulen Männer hätten eine antiretrovirale Therapie (ART) und ungeschützter Sex würde daher kein Risiko mehr darstellen.

Mit der psychischen Gesundheit steht es bei einigen schwulen Männern nicht zum Besten; dies wurde unter anderem in einer Studie von Dialogai festgestellt. Wahrscheinlich ist es weniger wie und ob sie mit ihrer Homosexualität umgehen können, sondern wie ihr Umfeld, also Familie, Bekannte und Freunde, Arbeitsplatz und Schule usw. darauf reagiert. Eine nicht geringe Zahl versteckt daher ihre Homosexualität und führt ein Doppelleben. Folgen sind ein permanenter Stress und ein vermindertes Selbstwertgefühl. Dies führt zu Missbrauch von Alkohol, Tabak, Medikamenten und Partydrogen, sowie auch zu einer erhöhten Bereitschaft des sexuellen Risikoverhaltens. Man spricht im Zusammenhang mit dem Kondomgebrauch von einer «Zauberformel»: 70 – 20 – 10, was heisst, 70 Prozent schützen sich immer, 20 Prozent hie und da und 10 Prozent gar nicht.

Männer, die sich frisch mit dem HIV angesteckt haben, sind in der so genannten Phase der Primoinfektion. Deren Symptome sind oft nicht sehr ausgeprägt, z.B. etwas Fieber, ähnlich wie bei einer Grippe. In dieser Phase, die etwa einen Monat dauert, sind sie sehr infektiös, d.h. können leicht andere Männer beim ungeschützten Verkehr anstecken. Meist wissen die Betroffenen zu diesem Zeitpunkt noch nichts über ihren positiven HIV-Status.

Das Vorliegen einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit erhöht das Übertragungsrisiko für HIV. In diesen Fällen sind nämlich häufig die Schleimhäute geschädigt, was dem HIV-Virus das Eindringen erleichtert.

 

Was ist zu tun?

Die Safer-Sex-Regeln wurden in der neuen Love-Life-Kampagne von BAG, AHS und PLANeS um eine weitere Regel ergänzt, die sich auf die andern sexuell übertragbaren

Krankheiten bezieht. Sie heissen nun:

Siehe auch: www.lovelife.ch

Schwule Männer mit häufig wechselnden Sex-Partnern sollten sich regelmässig auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten testen lassen und bei unerklärbaren Symptomen zum Arzt gehen, damit eine allfällige Infektion festgestellt und gegebenenfalls eine Therapie begonnen werden kann. Es kommt immer noch zu häufig vor, dass Infektionen viel zu spät erkannt werden und zu lange mit einer Therapie zugewartet wird. Auch bei einer HIV-Infektion macht es Sinn, schon früh mit einer Therapie zu beginnen, dies einerseits, weil so das Immunsystem weniger geschädigt wird und andererseits diese Person – sofern die Therapie wirksam ist – ein geringeres Risiko für ihre (Sex-)Partner darstellt.

Für Test und Beratung gibt es in der Schweiz mit den Checkpoints in Genf und Zürich ein hervorragendes und professionelles Angebot für schwule Männer. Wir laden alle ein, diese Dienstleistung von Dialogai www.checkpoint-ge.ch bzw. der Zürcher Aids-Hilfe www.chekcpoint-zh.ch auch zu nutzen.

Mit dem (festen) Partner sprechen, wenn man ein spontanes Abenteuer oder eine Risikosituation gehabt hat.

Die Aids-Hilfe Schweiz wünscht sich ein verstärktes und aktiveres Engagement der Gay-Community bei der Präventionsarbeit im Bereich HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Dabei sollen nebst der sexuellen Gesundheit auch weitere Bereiche mit einbezogen werden, insbesondere die psychische Gesundheit mit Massnahmen gegen Depression und Suizid. Die Aids-Hilfe Schweiz möchte dazu innerhalb ihres Verbandes ein Organ für schwule Gesundheit schaffen, bei der die Checkpoints und alle Akteure im Bereich MSM eine aktive Rolle spielen.

Es braucht wieder – wie das vor 15 bzw. 20 Jahren noch der Fall war – mehr Solidarität in der schwulen Community: Solidarität zwischen denjenigen unter uns, denen es gut geht, die in einer stabilen Beziehung leben, sozial integriert sind; und denjenigen unter uns, denen es schlecht geht, die Mühe haben mit ihrem Coming-out und ihrem Schwulsein, oder damit wie ihr Umfeld darauf reagiert, die marginalisiert werden, die gesundheitliche Probleme haben, die abhängig sind von Substanzen wie Alkohol, Tabak, Drogen und Medikamenten, die unter Depressionen leiden oder von Suizidgedanken geplagt werden.

 

Zukünftige Prioritäten der AHS

Für die Aids-Hilfe Schweiz behalten deshalb auch in Zukunft die folgenden Bereiche oberste Priorität:

 

Prof. Dr. Hansruedi Völkle,

Präsident der Aids-Hilfe Schweiz

 

 

Hansruedi Voelke war von 2002 bis 2011 im Vorstand der Aids-Hilfe Schweiz, den er die letzten drei Jahre präsidierte.