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Im Fokus 15.1.26

«Im Gesundheitswesen ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig»

In seiner Praxis fördert Stefano Limone (links) einen selbstverständlichen Umgang mit LGBTI-Themen.

2020 gründete Networker Stefano Limone PhysioBasel. Heute führt er fünf Standorte und 25 Mitarbeitende. Sein Ziel: in der ganzen Praxis ein klares Zeichen für Inklusion und respektvollen Umgang zu leben.

Stefano, du arbeitest täglich körpernah mit Patient:innen. Wann hast du gemerkt, dass Inklusion in der Physiotherapie ein wichtiges Thema ist?
Nicht zwingend erst in der Physiotherapie. Ich habe das bereits mit 18 oder 19 Jahren selbst erlebt, etwa bei Arztbesuchen. Gerade bei Urolog:innen oder Proktolog:innen war das damals oft unangenehm. Viele wussten wenig über schwule Lebensrealitäten, und ich musste immer zuerst erklären, worum es überhaupt geht. Das war mühsam und teilweise beschämend.

Später habe ich gemerkt, dass dieses Wissen auch in der Physiotherapie oft fehlt, bei LGBTI-Themen, aber auch bei Männergesundheit generell. Das war kaum Teil des Studiums. Vieles musste ich mir selbst aneignen. Genau das war für mich ein Antrieb, es in meiner eigenen Praxis anders zu machen.

Wie setzt ihr Inklusion konkret in deiner Praxis um?
Uns war wichtig, dass Offenheit im Alltag selbstverständlich ist. Wenn jemand zu uns kommt, fragen wir, wie die Person angesprochen werden möchte. Ob männlich, weiblich oder nicht-binär. Sollte die Partnerschaft zum Thema werden, gehen wir nicht automatisch davon aus, dass das Gegenüber in einer heterosexuellen Beziehung ist.

Wir hatten einmal eine Schulung mit einem Gerätehersteller: In der Software konnte nur «männlich» oder «weiblich» gewählt werden. Meine Mitarbeitenden haben sofort nachgefragt, was mit nicht-binären Personen ist. Für den Referenten war das völlig neu. Für uns nicht – genau diese Normalität wollen wir leben.


Wie reagieren cis-heterosexuelle Patient:innen darauf?
Ich hatte anfangs schon Respekt davor. Einige Patient:innen haben früher sehr abwertend über LGBTI-Themen gesprochen. Umso überraschender war, dass dieselben Personen die Änderungen später positiv fanden, als sie konkret umgesetzt waren.

Natürlich fällt Inklusion besonders jenen auf, die selbst Teil der Community sind. Aber auch viele heterosexuelle Patient:innen finden es gut. Wir hatten bisher keine negativen Erfahrungen.


Was ist dir im Umgang mit Patient:innen besonders wichtig?
Dass niemand Angst haben muss, über sich zu sprechen. In Interviews habe ich von Menschen gehört, die bei Hausbesuchen Fotos ihres Partners versteckt haben, aus Angst vor Reaktionen. Das darf nicht sein.

Gerade im Gesundheitswesen muss ein geschützter Raum entstehen. Niemand sollte das Gefühl haben, Geschichten erfinden zu müssen, nur weil man Angst vor der Haltung des Gegenübers hat. Vertrauen ist die Basis jeder Behandlung.


Du bist in Deutschland aufgewachsen, hast dort und in den Niederlanden studiert. Wie unterscheidet sich die Physiotherapie in der Schweiz?
Die Schweiz war für mich fachlich fast ein Paradies. Wir dürfen hier viel mehr behandeln als in Deutschland, zum Beispiel Dry Needling oder ganzheitliche Ansätze. In Deutschland darf man oft nur genau das behandeln, was auf der Verordnung steht.

In den Niederlanden ist man dafür bei Themen wie Inklusion und Direktzugang weiter. Dort kann man häufig ohne ärztliche Verordnung zur Physiotherapie.

Du bist Unternehmer, Dozent und behandelst selbst. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich scherze immer, dass ich halbtags arbeite… von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. Die Hälfte der Zeit arbeite ich mit Patient:innen, unterrichte zusätzlich und kümmere mich um Organisation, Social Media und Netzwerkpflege. Insgesamt sind es oft zehn bis elf Stunden pro Tag.

Das Abschalten habe ich lange unterschätzt. Erst mit klaren Strukturen und Standortleitungen haben wir es geschafft, im Urlaub wirklich loszulassen. Das war ein Lernprozess über mehrere Jahre.

Wenn du heute zurückblickst: Was würdest du deinem jüngeren Ich raten, das gerade den Schritt in die Selbstständigkeit wagt?
Ich würde mir raten, die Dinge nicht aufzuschieben, die man nicht so gern macht – vor allem das Administrative. Am Anfang habe ich mich fast ausschliesslich auf die Patient:innenarbeit konzentriert und Büroarbeit lange vernachlässigt. Rechnungen habe ich oft erst dann geschrieben, wenn der Kontostand schon deutlich gesunken war.

Mit Mitarbeitenden geht das natürlich nicht mehr. Löhne müssen pünktlich bezahlt werden, Strukturen müssen stehen. Rückblickend hätte ich mir früher eine klarere Organisation gewünscht und konsequenter dranbleiben sollen. Ein wichtiger Schritt war auch, meinen Partner mit einzubinden. Er kommt aus dem kaufmännischen Bereich, mag administrative Aufgaben und bringt genau die Struktur rein, die mir gefehlt hat. Dass wir diesen Schritt gemacht haben, war enorm entlastend – und im Nachhinein etwas, das ich viel früher hätte tun sollen.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Gesundheitswesens in Bezug auf Inklusion?
Dass Offenheit Standard wird. Dass Fragen neutral gestellt werden. Dass niemand Angst haben muss, sich zu outen oder über sensible Themen zu sprechen.

Es gibt leider immer noch erschreckende Beispiele – etwa HIV-positive Menschen, die in Behandlungen nur mit Handschuhen angefasst werden. Das zeigt, wie viel Aufklärungsarbeit noch nötig ist. Gerade im Gesundheitswesen sollte dieses Wissen selbstverständlich sein.


Zum Schluss: Warum bist du bei network dabei?
Weil Sichtbarkeit entscheidend ist. Rechte können schneller wieder verloren gehen, als man denkt. network stärkt die Community, vernetzt Menschen aus unterschiedlichen Branchen und macht uns sichtbar.

Ich kann nicht an jedem Anlass teilnehmen, aber ich finde es wichtig, Teil davon zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Das Engagement lohnt sich.

Mehr über Stefanos Praxis unter physio-basel.ch

Bildlegende: In seiner Praxis fördert Stefano Limone einen selbstverständlichen Umgang mit LGBTI-Themen.

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