30 Jahre network 20.2.26
«Sich in der Öffentlichkeit zu zeigen ist der Zweck von network»
Daniel Weber ist ein Networker der ersten Stunde und trieb die Gründung von Regionalgruppen voran. Anlässlich des 30. Jubiläums werfen wir einen Blick zurück.
Daniel, kannst du dich erinnern, welche Gedanken dir durch den Kopf gingen, als du das erste Mal von einem Verein namens network gehört hast?
Ja. Der Verein war frisch gegründet, als ich davon hörte, und ich wurde direkt gefragt, ob ich Mitglied werden wolle. Ich fand das eine sehr nötige Sache und zugleich eine spannende Herausforderung. Mir war klar, dass damit auch Verantwortung verbunden ist. Ich freute mich darauf, neue Leute kennenzulernen.
Zuvor hatte ich in Bern im Ursus Club an der Bar gearbeitet, das hat mich stark in die Community hineingezogen. Später war ich bei network im Vorstand und Vizepräsident und danach auch bei Pink Cross im Vorstand. Es ging mir immer darum, etwas für die Community zu bewegen. Damals war vieles noch im Versteckten – mit der Gründung von network wollte man bewusst an die Öffentlichkeit treten. Genau das war der Zweck des Vereins.
Du warst Anwalt, damals waren viele beruflich ungeoutet. Hattest du Angst, dich zu exponieren?
Nein, ich hatte nie Bedenken. Ich war vor allem im Asyl- und Ausländerrecht tätig und stand damit ohnehin auf der Seite der Schwächeren. Ich bin nie hausieren gegangen mit meiner sexuellen Orientierung, habe aber auch kein Geheimnis daraus gemacht. Vielleicht hätte ich das eine oder andere Mandat nicht bekommen, wenn es allen bekannt gewesen wäre. Aber ich wollte mich nicht verstecken. Ich war immer so, wie ich war – und wenn es nicht gepasst hat, dann hat es eben nicht gepasst.
Wie würdest du die Stimmung während der Geburtsstunde von network beschreiben?
Es war eine Aufbruchstimmung. Nach den wilden 70er-Jahren mit viel Sichtbarkeit kam in den 80ern Aids – ein Wahnsinnsdämpfer, verbunden mit massiver Stigmatisierung. Freunde starben wie Fliegen, die zuvor erkämpfte positive Sichtbarkeit war praktisch weg. Mitte der 90er-Jahre kam dann wieder ein Aufbruch.
Die schlimmste Phase der Krise war überwunden, es gab erste Medikamente, wenn auch noch kompliziert. Gleichzeitig veränderte sich die Szene: Durch Raves und offene Clubs fühlte man sich integrierter, klassische Community-Lokale verschwanden aus wirtschaftlichen Gründen, so auch der Ursus Club. Parallel dazu entstanden Organisationen wie Pink Cross und network. Bei network wollten wir die Bilder in den Köpfen verändern, Klischees verdrängen – weg vom effeminierten Stereotyp, hin zu der Erkenntnis: Das sind ganz normale Leute wie du und ich. Diese Sichtbarkeit war ein zentraler Treiber.
Und wie würdest du die Stimmung von Network nach 30 Jahren heute beschreiben?
In den 90er-Jahren hatte jedes Mitglied eigene Erwartungen an network: Vernetzung und Business, aber auch gesellschaftliche Sichtbarkeit, politische Wirkung, rechtliche Fortschritte. Wir wollten etwas bewegen. Die Verankerung der «Lebensform» in der Bundesverfassung war ein Schritt, später das Partnerschaftsgesetz – da hat network viel beigetragen.
Vieles von dem, was wir uns vorgenommen haben, wurde umgesetzt. Aber gesellschaftliche Arbeit ist eine Daueraufgabe – man kann die Hände nicht in den Schoss legen. Es gibt weiterhin Gruppen, die unter Ausgrenzung leiden, etwa trans oder nicht-binäre Menschen. Wir sind kein Apéro-Club. network ist heute ein unglaublich vielfältiger Verein mit viel Engagement und einer enormen Zahl an Veranstaltungen. Man könnte fast täglich an einem Anlass irgendwo in der Schweiz teilnehmen – das freut mich sehr.
Du hast dich früh für die Bildung von Regionalgruppen innerhalb des Vereins ausgesprochen. Aus welchem Grund war dir eine Regionalisierung wichtig?
network wurde in Zürich gegründet, wollte aber schweizweit wirken. Man kann nicht erwarten, dass alle nach Zürich reisen. Deshalb mussten wir in den Regionen präsent sein. Als Vizepräsident war die Regionalisierung meine Aufgabe. Wir gründeten Gruppen in der Innerschweiz und in Bern, später in Basel, der Westschweiz, der Ostschweiz und im Tessin. Das war Teamarbeit, aber strategisch notwendig, wenn man auf nationaler Ebene agieren und zugleich breiter aufgestellt sein wollte als nur finanz- oder bankenlastig.
Zudem wollten wir bewusst Künstler, Politiker und Freiberufliche einbinden – Gruppen, die in Zürich eher unterrepräsentiert waren. Das Interesse war da: In Bern luden wir 50 Leute ein, 35 kamen, zehn wurden sofort Mitglied. Natürlich kam die Frage nach dem «Return on Investment», was bringt einem eine Mitgliedschaft bei network? Ich sage dann jeweils: Frage nicht, was network für dich tun kann, sondern was du für network tun willst. Ein Verein lebt vom Engagement seiner Mitglieder.
Zur Gründungszeit gingen viele Berufsleute sehr diskret mit ihrer sexuellen Orientierung um. Musste man sich outen?
Nein, das war keine Bedingung, aber erwünscht. Aber bei denen, die ich als Götti begleitet habe, war eine grundsätzliche Bereitschaft vorhanden, sonst hätte ich sie nicht empfohlen. Wir erwarten Engagement, manchmal auch öffentliches. Es gab aber auch Fälle, etwa katholische Geistliche, bei denen klar war, dass ein Coming-out nicht möglich war. Das wurde respektiert – in der Hoffnung, dass sich die Zeiten ändern.
Die Idee hinter network war immer, dass wir bereit sind, Gesicht zu zeigen – mein Partner und ich haben damals ein Interview mit Bild bei uns im Esszimmer gegeben, beim Sonntagsbrunch. Wir wollten andere Bilder vermitteln, Selbstverständlichkeit zeigen und damit Ängste abbauen.
Wie haben sich die jungen Networker im Lauf der 30 Jahre gewandelt?
Heute sind praktisch alle geoutet. Das ist ein gesellschaftlicher Wandel. Die Angst vor Diskriminierung hat abgenommen, auch wenn sie nicht ganz verschwunden ist. Die Grundprobleme des Coming-outs sind ähnlich wie vor 50 Jahren, aber es gibt heute viel mehr Vorbilder. Das hatten wir nicht, als ich 20 war. Damals kannte man vielleicht einen Schauspieler oder Coiffeur – mehr nicht.
Heute ist das völlig anders. Die jungen Männer sind selbstbewusster, und das finde ich sehr positiv. Man darf nicht vergessen: Bis in die 90er-Jahre galt Homosexualität bei der WHO als Krankheit. Für mich persönlich war das zwar nie ein inneres Problem, aber gesellschaftlich war es Realität.
Was wünscht du Network zum 30-jährigen Jubiläum?
Früher haben wir gewitzelt, es wäre schön, wenn es network irgendwann nicht mehr bräuchte. Aber network stiftet ja nicht nur Wirkung, sondern auch Freundschaften – das ist ein grosser Wert.
Ich wünsche mir drei Dinge: Erstens noch mehr Diversität und ein grösseres Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich wir auch innerhalb unserer eigenen Gruppe sind. Zweitens Qualität – wir müssen nicht um jeden Preis wachsen, sondern inhaltlich stark bleiben. Und drittens Engagement. Ich wünsche mir noch mehr Mitglieder, die bereit sind, sich einzusetzen – für unsere Anliegen und für andere Gruppen, die heute Diskriminierung erleben, so wie wir sie erlebt haben.