Politik 20.2.26
Was tut network gegen den Backlash?
In den letzten Jahren ist das politische und gesellschaftliche Klima gegen LGBTI-Menschen spürbar rauer geworden – immer wieder fällt der Begriff «Backlash». Die Politische Kommission PoKo hat ein Diskussionspapier erstellt.
Gegen die queere Community zu wettern und zu politisieren ist nach Jahren der zunehmenden Akzeptanz wieder salonfähig geworden – eine Entwicklung, die die Politische Kommission (PoKo) ernst nimmt. «Die Ehe für alle ist durch – aber das grosse Thema für uns ist jetzt der Backlash. Das wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen», sagt Dyami Häfliger, der die PoKo gemeinsam mit Peter Christen leitet. Aus diesem Bewusstsein heraus habe die Kommission ein Diskussionspapier erarbeitet, das als Grundlage für die weitere Arbeit dienen soll.
Ausgangspunkt ist eine repräsentative Studie, die letztes Jahr gemeinsam von gfs.bern und von Amnesty International sowie verschiedener LGBTI-Dachverbände veröffentlicht wurde: Zwar befürworten breite Teile der Schweizer Bevölkerung die rechtliche Gleichstellung schwuler und lesbischer Menschen. Gleichzeitig empfindet fast jede zweite Person es als zumindest teilweise störend, wenn sich zwei Männer auf offener Strasse küssen. Jeder fünfte Mensch ist der Meinung, zwei schwule Männer könnten keine guten Eltern sein. «Fast alle sagen Ja zur rechtlichen Gleichstellung, aber nur etwa die Hälfte findet es wirklich okay, wenn zwei Männer ihre Zuneigung zeigen. Diese Diskrepanz ist da und die werden wir nicht ganz wegbringen», so Dyami. Für die PoKo sind das klare Warnsignale.
Hinzu kommt eine internationale Grosswetterlage, die auch in der Schweiz spürbar ist. «Der ganze Kulturkampf, der aus den USA kommt, ist auch bei uns merkbar», sagt er. Themen wie Gender oder trans Rechte würden zunehmend instrumentalisiert. Was in den Vereinigte Staaten bereits zu massiven Rückschritten geführt habe, erscheine auch in Europa nicht mehr undenkbar. «Wir dürfen nicht blauäugig sein», betont er. «Es scheint im Moment, als würde ewig die Sonne scheinen. Aber wir müssen auf Angriffe vorbereitet sein.»
Entsprechend hat die PoKo im Diskussionspapier sechs Handlungsfelder definiert. Im Zentrum stehen zwei Punkte: politische Präsenz und Vorbereitung. «Wir beobachten genau, welche Vorstösse im Parlament eingereicht werden – auch auf kommunaler und kantonaler Ebene», erklärt Dyami. Es gebe durchaus Bestrebungen, erreichte Rechte wieder aufzuweichen. Gleichzeitig gehe es darum, Entwicklungen sachlich einzuordnen, in den Medien präsent zu sein und als verlässliche, faktenbasierte Stimme aufzutreten.
Das Thema wird network auch an der GV 2026 vertiefen: Dort diskutieren Tabea Hässler, Patrick Weber und Jürg Koller unter der Moderation von Mark Alder über den gesellschaftlichen Backlash und mögliche Strategien.
Ein weiteres zentrales Element ist die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. «Wichtig ist, dass wir uns vereinen und Synergien nutzen», sagt Dyami. network verstehe sich als Verein schwuler und bisexueller Männer, offen auch für trans Männer, und unterstütze die Dachverbände solidarisch. Der grosse Vorteil dabei: Network ist politisch breit abgestützt und zählt Mitglieder, die sich über das ganze Spektrum von links bis konservativ-bürgerlich engagieren. «Wenn die Bewegung dauerhaft nur aus einer politischen Richtung spricht, wird sie angreifbar.»
Der Backlash zeigt sich nicht nur in gesellschaftlichen Stimmungen, sondern auch in konkreten politischen Dossiers. So verfolgt die PoKo die Entwicklungen rund um Leihmutterschaft und Stiefkindadoption nach dem Entscheid der Parlamentskommission ebenso aufmerksam wie die Umsetzung des neuen Aktionsplans gegen Hate Crimes oder die Diskussionen rund um geschlechtsangleichende Massnahmen bei Minderjährigen.
Neben der politischen Arbeit betont Dyami die Bedeutung der queeren Community selbst. Sichtbarkeit, Engagement und persönliche Begegnungen seien entscheidend. «Das Beste, was uns passieren kann, ist, wenn wir Mitglieder und weitere Personen aktivieren – gesellschaftlich und politisch», so Häfliger. Akzeptanz entstehe oft dort, wo Menschen konkrete Erfahrungen machten. «Wichtig ist, mit guten Beispielen zu leben und die Gesellschaft mitzunehmen.»