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Kultur 30.5.26

«Chopins Männer»: Wenn Musikgeschichte plötzlich queer wird

Es ist die ideale Verschmelzung von Literatur und Musik: Im Rahmen des Musikdorf Ernens liest Networker Moritz Weber aus seinem neuen Buch «Chopins Männer». Darin zeichnet der Pianist und Kulturjournalist ein neues Bild des Komponisten Frédéric Chopin – basierend auf bisher wenig beachteten Quellen und intensiver Archivarbeit.

Moritz Weber beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Musik von Frédéric Chopin (1810-1849). Bereits 2020 sorgte er mit zwei Radiofeatures für SRF 2 Kultur international für Aufmerksamkeit. Medien wie CNN oder der Guardian griffen die Beiträge auf, SRF übersetzte sie später sogar ins Englische – eine Premiere. Ausgangspunkt war die Frage nach Chopins Beziehungen zu Männern und der Umgang der Musikgeschichte mit queerer Biografie.

Dass die Recherche nicht einfach werden würde, war Moritz früh klar. «Im 19. Jahrhundert konnte man so etwas nicht öffentlich sagen», erklärt er. Viele Hinweise seien lange ignoriert oder verharmlost worden. Moritz sichtete Briefe, transkribierte handschriftliche polnische, französische und deutsche Dokumente und suchte gezielt nach Quellen ausserhalb der klassischen Chopin-Forschung. Besonders aufschlussreich seien etwa Polizeiarchive in Paris gewesen, in denen homosexuelle Männer im 19. Jahrhundert dokumentiert wurden.

Dabei stiess er immer wieder auf Männer aus Chopins Umfeld, die in bisherigen Biografien kaum eine Rolle spielten. Einige lebten über längere Zeit mit dem Komponisten zusammen oder standen ihm besonders nahe. «Wenn ich auf etwas gestossen wäre, das meine These widerlegt hätte, hätte ich aufgehört», sagt Moritz. «Aber je mehr ich recherchierte, desto klarer wurde das Bild.»

Auch der Umgang mit Quellen überraschte ihn. Teilweise seien in Übersetzungen männliche Pronomen bewusst verändert worden. «Das kennt man auch von anderen historischen Persönlichkeiten wie Shakespeare oder Michelangelo», sagt er. Ob bewusst zensiert wurde, lasse sich zwar nicht immer beweisen. Klar sei aber, dass homoerotische Aspekte von Künstlerbiografien lange ausgeblendet wurden.

Die Reaktionen auf seine Arbeit fielen überwiegend positiv aus – auch international. In Polen gab es allerdings vereinzelt kritische Stimmen. Eine Journalistin habe ihm etwa abgesprochen, überhaupt Polnisch lesen zu können. Moritz, der tatsächlich Polnisch versteht, nimmt es gelassen: «Das waren keine komplizierten philosophischen Texte, sondern Alltagsbriefe – oft sehr charmant und direkt geschrieben.»

Neben der historischen Recherche bleibt für Moritz vor allem die Musik zentral. «Ich spiele Chopin seit fast 40 Jahren», sagt er. Gerade während der Pandemie habe er endlich die Zeit gefunden, sich intensiv mit den rund 800 erhaltenen Briefen des Komponisten zu beschäftigen. Dabei sei ihm aufgefallen, dass sich Liebeserklärungen ausschliesslich an Männer richteten.

Musikalisch fasziniert ihn an Chopin bis heute dessen Eigenständigkeit. «Er wusste genau, was er wollte und was er konnte.» Chopin habe die Gesangstradition des italienischen Belcanto auf einzigartige Weise auf das Klavier übertragen und gleichzeitig harmonisch unglaublich kühn komponiert – stellenweise beinahe modern oder atonal.

Mit «Chopins Männer» will Moritz aber nicht nur über queere Geschichte schreiben, sondern auch einen Beitrag zur heutigen Chopin-Forschung leisten. «Mich freut besonders, dass ich mit bisher unbeachtetem Archivmaterial neue Perspektiven eröffnen konnte», sagt er.

Sein Buch stellt Moritz Weber am 25. und 26. Juli im Rahmen von «Queerlesen» beim Musikdorf Ernen vor.

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