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LGBTIQ-Helpline 15.1.26

«Die Anfragen sind so bunt wie die Community»

Paul Bürgler ist seit einem Jahr Mitglied von network.

Seit 15 Jahren engagiert sich Networker Paul Bürgler bei der LGBTIQ-Helpline und gibt der Community auf diese Weise etwas zurück. Dabei schliesst sich ein Kreis: Als 23-Jähriger rief er selbst einmal bei der Hotline an.

Bis zu zweimal im Monat sitzt Paul Bürgler von 19 bis 21 Uhr in seinem Arbeitszimmer und steht Ratsuchenden via Telefon, Chat oder E-Mail zur Verfügung. Die Anliegen reichen von Fragen zu Sexualität und Geschlechtsidentität bis zu Coming-out oder Beziehungsfragen. Seit einigen Jahren erfasst die Helpline auch Fälle von Gewalt an LGBTIQ-Menschen.

«Manchmal kommen keine Anfragen rein, manchmal mehrere gleichzeitig», erklärt Paul. «Natürlich kann ich immer nur eine nach der anderen bearbeiten. Telefon ist grundsätzlich erste Priorität, Chat ebenfalls. Im Chat kann ich kurz schreiben, wenn ich gerade nicht kann. Am Telefon ist das schwieriger, weil ich nicht zurückrufen kann.»

Vom Anrufer zum Berater
Für Paul schliesst sich mit seinem langjährigen Engagement ein Kreis. Als ungeouteter 23-Jähriger war die Hotline der Homosexuellen Arbeitsgruppen Luzern (HALU) 1990 sein erster Kontakt zur Szene. «Ich wollte einfach eine Community-Adresse. Ich rief an, jemand nahm ab und gab mir Tipps zu Treffpunkten in Luzern. Ich hatte grosse Angst, als ich anrief. Über meine Gefühle konnte ich gar nicht sprechen. Ich wollte einfach in die Szene», erinnert er sich.

Seitdem hat sich viel verändert: Die Hotline der HALU wurde in die nationale Rainbowline integriert, die sich später in die heutige LGBTIQ-Helpline wandelte. Waren früher nur Telefonanrufe möglich, können Ratsuchende sich heute auch per Chat oder E-Mail melden. Die schriftlichen Anfragen werden über ein professionelles Ticketsystem strukturiert.

Neue Generation, neue Fragen
Heute melden sich die meisten via Chat oder E-Mail. Auch die Ratsuchenden sind jünger: «Damals meldeten sich eher Menschen ab 25 oder deutlich älter. Jetzt melden sich wirklich junge Menschen, teilweise 13-Jährige. Das hatten wir früher nicht.»

Auch Fragen nach Treffpunkten gibt es kaum noch, das Internet übernimmt diese Aufgabe. Stattdessen geht es häufig um Geschlechtsidentität, Nicht-Binarität und Trans-Themen. «Sehr viele Junge kontaktieren uns dazu. Viele Menschen melden sich, um über ihre Gefühle zu sprechen. Die Anfragen sind extrem vielfältig – eigentlich genauso bunt wie die Community selbst.» Die LGBTIQ-Helpline arbeitet nach dem Peer-to-Peer-Prinzip . Die Philosophie ist dieselbe geblieben wie vor über 35 Jahren: Austausch und Beratung durch Gleichgesinnte aus der Community, bei Bedarf erfolgt eine Weiterleitung an professionelle Stellen.

Das Team freiwilliger Berater:innen besteht aus rund 20 bis 30 Personen. Mit der Einführung von Chat und E-Mail sprangen viele Ehrenamtliche ab – Paul blieb. «Ich fand, ich muss mich weiterentwickeln. Ich finde es spannend, wenn etwas herausfordernder wird», sagt er. «Als schwuler cis Mann habe ich zu Gender- und Identitätsfragen Weiterbildungen besucht und mich viel ausgetauscht: mit Kolleg:innen, im privaten Umfeld oder online.»

Hate Crimes sichtbar machen
Eine gewisse psychische Stärke ist für den ehrenamtlichen Job bei der Helpline notwendig. «In der Regel kann ich die Anfragen gut wegstecken. Was mich besonders beschäftigt, sind Gewaltthemen – nicht nur Beschimpfungen, sondern auch rohe Gewalt. Manchmal frage ich mich dann, in welcher Schweiz ich eigentlich lebe. Ich bewege mich in einer relativ geschützten Bubble, und das erstaunt mich immer wieder.»

Besonders berühren ihn Anfragen von Jugendlichen, die nicht mehr nach Hause können. Paul erinnert sich an einen Fall: «Ein Jugendlicher war von zu Hause weggelaufen, weil Vater und Brüder ihn geschlagen hatten. Er hatte Angst um sein Leben.»

Seit die Helpline Hate Crimes systematisch erfasst, nehmen entsprechende Anfragen stark zu. «Die Menschen wehren sich stärker. Sie melden sich bei uns, was man früher vielleicht nicht tat. Allein die Meldung ist ein Akt der Selbstermächtigung», sagt Paul. Die Fälle werden dokumentiert und an Medien, Behörden oder die Polizei weitergegeben. In einigen Kantonen, etwa in Zürich, wird Hate Crime mittlerweile systematisch erfasst. «Genau das wollten wir erreichen.»

Engagement bei network
Network lernte Paul an der letztjährigen Generalversammlung von Pink Cross in Bern kennen. «Mir gefiel, wie sich network einbrachte, Diskussionen anstiess und dabei konstruktiv blieb», erinnert er sich. Besonders freute ihn, dass network bei der Pride in Luzern mitlief. Ich bin Mitglied geworden, weil ich es wichtig finde, sich einzubringen – sei es bei network, bei Pink Cross oder generell in der Community.»

Paul betont die Bedeutung von Solidarität innerhalb der Community: «Ich finde nicht, dass sich die Community in Schwule und Lesben auf der einen und trans oder nicht-binäre Menschen auf der anderen Seite spalten sollte. Ich schätze die Buntheit. Dafür braucht es Offenheit. Letztlich geht es immer um Geschlechtsidentität, die nicht der Heteronormativität entspricht. Nicht-Binarität gab es auch früher, vielleicht unter einem anderen Namen.»

Sein Wunsch: Die Community sichtbar halten und sich gegenseitig vernetzen, nicht nur innerhalb der Community, sondern mit der gesamten Gesellschaft. «Genau das macht network seit jeher.»

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