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Im Fokus 26.11.25

«Ich suche mir meine Bühnen sorgfältig aus»

Neumitglied Reto Knöpfel bewegt sich beruflich meist zwischen G und fis¹

Bassbariton Reto Knöpfel kreiert in kleinen Räumen seine stärksten Konzertmomente. Den Ausgleich zur Arbeit mit der Stimme findet das Ostschweizer Neumitglied beim Kochen, Wandern und Restaurieren.

Reto, ich habe eine schöne, tiefe Stimme von dir erwartet.
(lacht) Und?

Ich bin nicht enttäuscht! Wann hat dich die Begeisterung fürs Singen gepackt?
Gesungen habe ich schon immer. Im Unterricht am Gymi realisierte ich, dass der Gesang meine Art ist, mich auszudrücken. Ausserdem bin ich am Untersee im Thurgau aufgewachsen, dem Wohnort gleich zweier weltberühmter Opernstars: Anneliese Rothenberger und Lisa della Casa. Das hat mich als Jugendlicher inspiriert.

Du hast schon in der Zürcher Tonhalle konzertiert, im Bundeshaus, sogar in Tschechien und Indien. Was war dein bisher speziellster Auftritt?
Jetzt denkst du vermutlich, das müsse in einem grossen Konzertsaal gewesen sein. Nein, am schönsten ist es für mich in intimer Atmosphäre vor kleinem Publikum. Meist verteile ich kein ausführliches Programm, sondern erzähle immer wieder selber etwas zu den Stücken. Ausserdem müssen die Handys in den Taschen bleiben. In diesem Rahmen kann ich die Menschen wirklich erreichen.

Das ist bestimmt für beide Seiten intensiver.
Genau, in grossen Sälen erhalte ich, bedingt auch durch die Distanz, weniger Feedback. Also, zurück zur Frage: Mein schönstes Konzert war vor zwei Jahren in Ermatingen. Ich hatte damals die einst weltberühmte, inzwischen fast vergessene Opernsängerin Emilie Herzog und deren Nachlass wiederentdeckt; sogar ihre Urenkelin konnte ich ausfindig machen. Diese Arbeit resultierte in einer Ausstellung mit Konzert im Vinorama, für das ich noch bis Sommer 2026 ehrenamtlich als Kurator tätig bin. Ich kombinierte ihre Tagebucheinträge mit ihrer Musik. Am Ende weinte der ganze Saal – so etwas hatte ich noch nie erlebt.

Neben klassischen Werken gehören auch Chansons der 20er- und 30er-Jahre zu deinem Repertoire. Was fasziniert dich daran?
Vor allem diese unverkennbare Sprache.

Was macht der Mann da, auf der Veranda?
Was macht der Maier am Himalaya?

Ich bin so scharf auf Erika wie Kolumbus auf Amerika!
(lacht) Das ist der Wortwitz, den ich an diesem Genre so liebe. Leider gibt es aus der Zeit auch vereinzelt Chansons, die Völker diffamieren – solche Texte singe ich natürlich nicht.

Hörst du in deiner Freizeit auch Musik? Vielleicht Dinge, die man bei einem klassischen Sänger nicht erwartet?
Ich höre sehr viel Musik. Von Fado über bulgarische Chormusik bis hin zu Heavy Metal – alles, was mich gesanglich fasziniert. Und auch aktuelle Popmusik, denn ich muss schliesslich auf dem Laufenden sein und den Jugendlichen im Unterricht etwas bieten. Nur bitte keinen deutschen Schlager wie Helene Fischer! Da werde ich jetzt wohl dem einen oder anderen vor den Kopf stossen…

Mir nicht.
Zwischendurch schätze ich aber auch die Ruhe als Ausgleich zum ständigen Sprechen und Singen. Da lausche ich dann den leisen Klängen der Natur beim Joggen oder Wandern.

Du hast den Unterricht angesprochen: Du leitest die Abteilung Musik und Kultur an der Kanti Trogen. Was liebst du besonders an diesem Beruf?
Dass ich die Lernenden nicht nur unterrichten, sondern auf ihrem Weg begleiten darf – das ist sehr bereichernd.

Du bietest auch Coachings für Berufstätige an.
Genau, dabei arbeiten wir zusammen an der Auftrittskompetenz, genauer gesagt an der Stimme und der Atmung. Damit kann man seine Präsentationen, die Verkaufsgespräche und generell jede Art von verbaler und nonverbaler Kommunikation verbessern.

Könnte für den einen oder anderen Networker interessant sein. Und damit kommen wir zur obligaten Gretchenfrage: Weshalb bist du Vereinsmitglied geworden?
Ich war auf der Suche nach einer Gruppe mit Führungspersonen, die sich beruflich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen, und wurde von network sehr offen und herzlich empfangen. Ich mag es, spannende Menschen kennenzulernen.

Hast du auch nicht-musikalische Hobbys?
Sehr viele, bei denen ich zur Abwechslung etwas von Hand erschaffe: Ich restauriere zum Beispiel Möbel, nähe Kleider und backe. Ich bekoche auch sehr gerne Gäste.

Dann könntest du doch in einer dieser Kochsendungen mitmachen, «Swiss Dinner» oder so!
Nein, also das brauche ich wirklich nicht. Ich suche mir meine Bühnen sorgfältig aus.

Was zieht dich immer wieder auf die Gesangsbühne?
Das ganze Erlebnis: Die Stunde vor dem Auftritt, der erste Ton, mit dem ich weiss: Ich bin zuhause angekommen. Dann nur noch geniessen. Es braucht auch Mut, man ist verletzlich. Aber schliesslich geht es sowieso nicht um mich als Person: Ich bin nur das Medium, um Emotionen zu transportieren. Denn Menschen zu berühren, ist etwas vom Schönsten, was es gibt.

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