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Im Fokus 27.3.26

«Wir brauchen auch die einfachen Dinge im Leben»

Louis Schlumberger in seinem Atelier.

Der Künstler Louis Schlumberger setzt sich in seiner Arbeit mit Zerstörung und der Neuschaffung von Welten auseinander. Was ihn daran fasziniert, wie er die aktuelle Weltlage einordnet und warum es manchmal gerade die einfachen Dinge sind, die zählen, verrät der Networker im Interview.

Louis, was fasziniert dich als Maler an der Zerstörung und der Neuschaffung von Welten?
Das hängt mit unserer eigenen Vergänglichkeit und mit meiner Auseinandersetzung mit Situationen und Gesellschaften zusammen. Für mich gibt es zwei Hintergründe. Der erste ist persönlicher Natur. Ich habe medizinisch schwierige Situationen erlebt, war im Spital und habe eine Erfahrung gemacht, bei der ich sehr nahe am Tod war. Das hat vieles verändert. In diesem Zusammenhang habe ich mich stark mit Metaphysik beschäftigt. Wenn wir uns anschauen, woraus die materielle Welt besteht, bleibt am Ende nur noch eine potenzielle Energie übrig. Materie und Energie verwandeln sich ständig– offenbar mit einem Gedächtnis. Das fasziniert mich.

Der zweite Hintergrund ist künstlerisch. Ich beschäftige mich gerne mit unsichtbaren Kräften und Energien, die sich als Wesen oder Erscheinungen zeigen können – manchmal wie Fabelwesen, manchmal wie Dämonen. Wir spüren sie, auch wenn wir sie nicht sehen. Diese Kräfte interessieren mich schon lange, auch im Zusammenhang mit aktuellen Geschehnissen.

Ist Zerstörung für dich also nichts Negatives?
Zerstörung im Sinne der Transformation ist nicht per se negativ – sie ist Teil eines Prozesses. Natürlich ist es tragisch, dass Transformation oft mit Zerstörung einhergeht. Aber Veränderung per se gehört zum Leben.

Wenn wir es historisch betrachten, geht es der Menschheit heute besser als in vielen früheren Epochen. Transformation ist selten angenehm – weder im grossen Weltgeschehen noch im eigenen Leben. Jeder erlebt Enttäuschungen und Umbrüche, was sich später oft als Chance herausstellt.

Und welche Welten erschaffst du konkret in deinen Bildern?
Ich arbeite viel mit Schichten. Dadurch entstehen Informationen, die sich erst nach und nach erschliessen. Ich stelle Energien und Wesen dar, die man erst erkennt, wenn man sich wirklich auf das Bild einlässt.

Diese Figuren und Kreaturen «erfinde» ich nicht im klassischen Sinn – ich visualisiere unsichtbare Welten, Emotionen und Klänge in Form von Farben, Linien und Strukturen. Die Herausforderung ist, nicht zu viel zu machen. Wenn ein Bild überladen ist, verliert es seine Wirkung.

Die einzelnen Elemente müssen für sich bestehen können, gleichzeitig aber ein harmonisches Ganzes ergeben. Ich vergleiche das oft mit einer Symphonie: Ob mit dem Pinsel oder den Händen – ich «komponiere» so, dass jedes Detail klingt und ein Ganzes ergibt.

Wie bist du zur Kunst gekommen?
Ich habe mich schon früh für Kunstgeschichte interessiert, durfte das aber nicht studieren, sondern musste Jura-und Ökonomie studieren. Mein Weg war nicht einfach. Ich habe rebelliert, und auch mein Schwulsein hat es nicht einfacher gemacht.

Nach einem Postgraduate-Studium bei Sotheby’s in London etablierte ich mich als Künstler in Zürich und Frankreich. Ohne Geld und Unterstützung in einer Genossenschaftswohnung, zwischen Jobben und nächtlichem Malen qualifizierte ich mich für das Chelsea College (London), das ich mit dem MA in Fine Arts abschloss.

Du hattest in den letzten Monaten viele Ausstellungen und bekommst viel Aufmerksamkeit. Wie geht es für dich weiter?
Ich bin im Moment froh, etwas Ruhe zu haben nach vielen Ausstellungen. Jetzt ist für mich wichtig, den nächsten Schritt bewusst zu wählen.

Ich arbeite mit zwei Galerien, welche meinen Namen in Basel und Zürich erfolgreich verbreitet haben. Internationale Galerien beginnen sich für mich zu interessieren. Das ist eine Phase, in der man vorsichtig sein muss. Ich habe durch eine längere gesundheitliche Auszeit erst spät wieder erfolgreich in den Kunstmarkt zurückgefunden. Deshalb sage ich mir: Dann pensioniere ich mich halt mit 95 statt mit 64.

Wie bereitest du dich auf den nächsten Schritt vor?
Der Kunstmarkt ist derzeit schwierig. Meine Galerie verkauft noch, aber die weltpolitische Lage spürt man auch hier. Die Menschen sind verunsichert.

Ich verlasse mich verstärkt auf mein Bauchgefühl, um die richtigen Partner bewusst zu wählen. Die Erwartungen und Risiken sind höher, und damit auch der Druck, den ich – ohne zu klagen –als Impuls wahrnehme.

Deine nächste Vernissage ist am 8. Mai in Lausanne. Was erwartet die Gäste?
Es ist eine Gruppenausstellung – etwas anderes, als ich sonst mache. Wir wurden eingeladen, Werke im Format einer Visitenkarte zu gestalten. Ich habe darauf verschiedene Elemente dargestellt, unter anderem «meine» Kreaturen und Wesen. Die Visitenkarte kommt als Quader daher. Auf einer Seite stelle ich die Frage: «Bin ich was mein Selbstbild suggeriert?» Und auf der anderen Seite: «Identifiziert meine Kunst mich?»

Für mich sind wir Teil einer grösseren, universellen und bewussten Energie. Diese Fragen kann man – und sollte man vielleicht auch – hinterfragen.

Du warst bei network in der Kulturkommission aktiv, die es heute nicht mehr gibt.
Ja, ich habe vor allem Kulturreisen organisiert. Das war etwas, das mir sehr lag. Durch meine Ausbildung und meine Kontakte – etwa in London oder bei Sotheby’s – konnte ich für network Türen öffnen.

Wir hatten Einblicke in private Sammlungen, Besuche bei Auktionshäusern wie Christie’s. Das war nicht einfach zu organisieren, aber sehr bereichernd. Kunst, Reisen und Begegnungen – das ist genau mein Ding.

Welche Verbindung hast du heute noch zu London?
Ich habe nach wie vor viele Kontakte dort. Ich bin Mitglied im Chelsea Arts Club, wo viele Künstler und Musiker sind. Es ist ein Ort mit viel Understatement. Ich konnte network dorthin bringen und Veranstaltungen organisieren. Das war sehr schön.

Schwieriger geworden sind Ausstellungen im Ausland durch administrative Hürden, etwa beim Transport von Kunstwerken. In Grossbritannien und den USA haben zudem politische Entwicklungen den Kunstmarkt geschadet.

Warum bist du bei network?
Die Vielfalt. Man trifft Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Das ist inspirierend. Im eigenen Beruf bewegt man sich oft in ähnlichen Kreisen. Bei network ist das anders. Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass es diesen Verein gibt.

Viele jüngere Menschen haben heute andere Voraussetzungen als wir früher. Aber nichts ist selbstverständlich. Man sieht auch heute noch Vorfälle, etwa Angriffe vor Clubs oder an der Pride. Sichtbarkeit bleibt wichtig.

Was hilft dir, abzuschalten?
Mein Lebenspartner ist seit 1997 an meiner Seite – er hat Psychologie studiert und ist nach globaler Führungstätigkeit heute international anerkannter Berater und Coach, das hilft (lacht). Und wir haben zwei Dackel. Diese holen mich auf den Boden zurück. Man kann nicht immer in der Luft schweben. Auch die einfachen Dinge im Leben sind wichtig: Natur, Freundschaften, Ruhe.

Zwei Dinge sind mir besonders wichtig: Alles, was man tut, sollte man mit Herz machen. Und man sollte sich selbst treu bleiben – auch wenn das nicht immer einfach ist. Gerade als schwuler Mann ist das eine Herausforderung. Am Ende sind es genau diese beiden Dinge, die zählen.

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