Kunst 31.8.26
«Jedes Gemälde male ich zuerst ganz rot an»
Am 23. September besucht network die Ausstellung des Künstlers Amit Berman in der Galerie Fabienne Levy in Genf. In seinen autobiografischen Werken beschäftigt er sich mit Intimität, Beziehungen und dem Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz.
Rot kann für Liebe und Leidenschaft stehen, aber ebenso für Gefahr und Angst. Genau diese Gegensätze faszinieren Amit Berman. Wenn der Künstler mit einem neuen Gemälde beginnt, bedeckt er die Leinwand deshalb zunächst vollständig mit roter Farbe. Erst darauf entsteht Schicht für Schicht das eigentliche Bild.
«Rot trägt für mich gleichzeitig sehr positive und sehr negative Bedeutungen in sich», erklärt Amit. Damit stehe die Farbe exemplarisch für eine Spannung, die sich durch seine gesamte Arbeit ziehe. Einsamkeit etwa könne Isolation bedeuten – aber genauso die selbst gewählte Freiheit, alleine zu sein. Auch Nähe und Entfremdung oder Innen- und Aussenräume stellt Amit in seinen Werken immer wieder einander gegenüber.
Das eigene Leben auf der Leinwand
Ausgangspunkt seiner Bilder ist häufig sein eigenes Leben. Beziehungen, Momente der Selbstreflexion und Begegnungen in intimen Räumen wie dem Schlaf- oder Badezimmer haben seine Arbeiten besonders geprägt. In seinen neueren Werken erhalten nun auch Landschaften mehr Raum.
Weil seine Kunst autobiografisch ist, verändert sie sich mit seinem Leben. Als Amit während der Corona-Pandemie in Mailand lebte und eine schwierige Trennung durchmachte, begann er intensiver mit Farbe zu arbeiten. «Ich war in einem fremden Land, fühlte mich isoliert und wollte die Malerei erkunden.»
Damals entstanden Werke, die stark von Selbstreflexion und Isolation geprägt waren. Später rückten Beziehungen und auch die Perspektive seines Partners stärker ins Zentrum. Themen wie Entfremdung innerhalb einer Beziehung beschäftigen ihn bis heute.
Am Anfang eines Bildes stehe dabei oft eine emotionale Herausforderung. «Es ist etwas, mit dem ich gerade konfrontiert bin oder das ich überwinden möchte.» Durch die Malerei versuche er, diesen Gefühlen Raum zu geben und sie zu mildern.

Intimität in unsicheren Zeiten
Beim Besuch von network gibt es eine besondere Premiere zu entdecken: Es ist Amits erste Einzelausstellung in der Galerie Fabienne Levy und zugleich seine erste in der Schweiz. Die gezeigten Arbeiten entstanden eigens für die Ausstellung während seines künstlerischen Aufenthalts in der Schweiz.
«Im Zentrum stehen Intimität, Erinnerung und Verletzlichkeit – zentrale Themen in Amits künstlerischem Schaffen», sagt Networker Antoine Bony, Direktor der Genfer Galerie. Die Serie beschäftige sich mit Erfahrungen der Entfremdung, Momenten der Erkenntnis und den emotionalen Distanzen, die menschliche Beziehungen prägen. Besonders sei auch der Kontext ihrer Entstehung: Die Arbeiten entstanden vor dem Hintergrund von Krieg und einem allgegenwärtigen Gefühl emotionaler Unsicherheit. «Diese Umstände verstärken den intimen und verletzlichen Charakter der Werke und vertiefen die Auseinandersetzung mit Nähe, Distanz und der Zerbrechlichkeit menschlicher Erfahrungen.»
Galeriegründerin Fabienne Levy fasziniert besonders das Zusammenspiel von Linie und Farbe: «Was mich an Amits Arbeiten anzieht, ist diese spannungsgeladene Beziehung zwischen beiden.» Ruhige, bewusst gesetzte Linien behaupteten sich gegenüber nuancierten und teilweise beunruhigenden Farbflächen. «Seine Werke erzählen leise von Intimität und Entwurzelung. Es geht um den Krieg an den Rändern und die hartnäckige Suche nach Ruhe.» Dabei seien die Bilder niemals belehrend. «Es ist dieses fragile Gleichgewicht, das mich fasziniert.»
Malen als meditativer Prozess
Für Amit selbst ist die Malerei nicht nur eine Möglichkeit, persönliche Erfahrungen festzuhalten. Sie schafft auch einen seltenen Moment vollständiger Konzentration. Schon als Kind habe er viel gezeichnet und dabei entdeckt, wie sehr ihn das lange und genaue Betrachten einer Sache fasziniert.
Heute empfindet er besonders die Arbeit an grossformatigen Gemälden als meditativen Prozess. Als Mensch mit ADHS sei er im Alltag schnell abgelenkt. Vor der Leinwand ändere sich das. Trotz der vielen Farben und Formen könne er sich vollständig auf das Bild konzentrieren. «Beim Malen kann ich an nichts anderes denken.» Dass aus diesem sehr persönlichen Prozess Kunst entsteht, die er mit anderen teilen kann, empfindet Amit als Privileg.
Am 23. September erhalten die Networker Gelegenheit, die Arbeiten von Amit Berman in Anwesenheit des Künstlers in der Galerie Fabienne Levy in Genf kennen zu lernen. Die Anmeldung erfolgt über My Network.