Arbeitswelt 29.4.26
«Man muss Probleme früh ansprechen – sonst wird es schwierig»
Als Anwalt im Bau- und Immobilienrecht bewegt sich Jean-Rodolphe Fiechter in einer Branche, die als technisch und teilweise konservativ gilt. Im Gespräch erzählt er, warum er trotzdem gerne auf Baustellen unterwegs ist und weshalb Offenheit im Berufsalltag entscheidend ist.
Jean-Rodolphe, du arbeitest im Bau- und Immobilienrecht. Wie sieht dein Alltag aus, bist du nur im Büro?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin gerne auch auf Baustellen. Das ist sogar einer der Gründe, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Natürlich arbeite ich viel im Büro, in Verhandlungen oder vor Gericht. Aber mich interessieren vor allem konkrete Situationen – etwa wenn ein Bauprojekt voranschreitet, wenn es Änderungen gibt oder wenn Mängel festgestellt werden.
Dann ist man vor Ort, koordiniert mit Bauherrschaft, Bauleitung, Ingenieuren und Unternehmen. Man sieht, wie etwas entsteht. Ich habe mich schon immer für Architektur und Städteplanung interessiert – so kann ich das mit meinem Beruf verbinden.
Du bist stark in der Dispute Resolution tätig. Was braucht es neben juristischem Fachwissen, um Konflikte zu lösen?
Jeder Bau ist ein Prototyp, und auf jeder Baustelle arbeiten Menschen zusammen. Da entstehen zwangsläufig Komplikationen. Wichtig ist, diese früh zu erkennen, die richtigen Leute zusammenzubringen und Lösungen zu finden.
Wenn man zu spät reagiert, drohen Baustopps, langwierige Verfahren und verhärtete Fronten. Der schlimmste Fall ist ein Gerichtsverfahren – dann ist das Verhältnis oft schon zerstört. Mit Mediation kann man vieles vermeiden und nachhaltige Lösungen erarbeiten. Ich hatte kürzlich einen grossen Fall, der potenziell zehn bis fünfzehn Jahre vor Gericht hätte dauern können. Wir konnten ihn innerhalb von sechs Monaten lösen – zur Zufriedenheit aller Beteiligten.
Neben Fachwissen braucht es deshalb vor allem Menschenkenntnis, interkulturelle Erfahrung und die Fähigkeit, im richtigen Moment Kompromisse zu finden.
Du hast auch in New York und Singapur gearbeitet. Gibt es Unterschiede im Umgang mit Konflikten?
Ja, durchaus. In der Schweiz und in Singapur ist man eher zurückhaltend, man versucht, das Gesicht zu wahren und Konflikte diskret zu lösen. In den USA geht man viel direkter vor – man eskaliert schneller, reicht Klagen ein und setzt stärker auf Druck.
In der Schweiz ist man kompromissbereiter, auch weil der Markt klein ist. Man arbeitet oft wieder mit denselben Leuten zusammen. Wer sich nicht kooperativ zeigt, riskiert seinen Ruf.
Die Bau- und Immobilienbranche gilt als eher konservativ. Wie erlebst du das als schwuler Mann?
Es gibt sicher konservativere Umfelder. Ich kenne Kollegen, die ihre Kanzlei gewechselt haben, weil sie sich nicht entfalten konnten. Ich persönlich habe aber grosses Glück: Bei uns herrscht eine offene und respektvolle Kultur.
Ich habe mich nie verstecken müssen. Ich thematisiere meine sexuelle Orientierung nicht aktiv im ersten Gespräch, aber wenn es zur Sprache kommt, kann ich offen sein. Das wird akzeptiert – auch von Klienten.
War das für dich entscheidend in deiner Karriere?
Absolut. Für mich wäre es ein Dealbreaker gewesen, wenn ich mich nicht hätte zeigen können, wie ich bin. Ich habe schon beim Einstieg gemerkt, dass ich akzeptiert werde. Das war entscheidend dafür, dass ich bis heute bei Kellerhals Carrard geblieben bin und seit 2018 Partner bin.
Du engagierst dich auch bei network. Welche Rolle spielt das für dich?
Network ist für mich wichtig, weil wir uns austauschen und gemeinsam für unsere Rechte einstehen können. Eine frühere Generation hat viel dafür erreicht – das dürfen wir nicht als selbstverständlich ansehen.
Gleichzeitig ist es auch ein Ort, an dem man sich gegenseitig unterstützt. Ich konnte zum Beispiel bei einer schwierigen personellen Entscheidung auf die Erfahrungen anderer zurückgreifen. Das hat mir geholfen, die Situation menschlich und gleichzeitig klar zu lösen.
Was würdest du jungen LGBTI-Professionals raten, die in eher konservativen Branchen arbeiten möchten?
Man muss nicht alles sofort im Vorstellungsgespräch thematisieren. Aber wichtig ist, dass man während der Probezeit herausfindet, ob man sich wohlfühlt. Diese Zeit ist dafür da.
Wenn man sich im Alltag ständig verstellen muss, wird es schwierig. Es sollte möglich sein, ganz selbstverständlich über das eigene Leben zu sprechen. Wenn das Umfeld das akzeptiert, ist das ein gutes Zeichen.
Bildlegende: Jean-Rodolphe Fiechter ist Anwalt im Bau- und Immobilienrecht und betreut bei network Bern die Interessenten.
Insta: @swiss.construction.lawyer